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Extreme Künstler

Einer gegen alle

Pjotr Pawlenski geht so radikal vor wie derzeit kein anderer Künstler in Russland. Mit waghalsigen öffentlichen Aktionen lehnt er sich gegen Autoritäten, staatliche Institutionen und die politische Apathie im Land auf. Und: Er ist sich selbst gegenüber gnadenlos

Am 10. November 2013, dem staatlichen Tag der Polizei in Russland, zog sich Pjotr Pawlenski auf dem Roten Platz in Moskau vor dem Lenin-Mausoleum nackt aus und fixierte seine Hoden mit einem 20 Zentimeter langen Nagel an den Pflastersteinen.
„Sobald feststeht, wann und wo ich eine Aktion mache, fängt die Angst an“, sagt Pawlenski. „Die Anspannung wächst mit jedem Tag, jeder Stunde.“
Ein halbes Jahr zuvor, am 3. Mai 2013, fand die Polizei Pawlenski in Stacheldraht eingewickelt vor dem Mariinski-Palast in St. Petersburg, in dem das städtische Parlament tagt. Die Stacheln hatten auf seinem Rücken ein Muster hinterlassen. Um ihn zu befreien, musste erst ein Drahtschneider beschafft werden. Er muss sich überwinden, gegen die Angst ankämpfen. Jedes Mal. „Aber wenn die Aktion dann im Gang ist“, sagt er, „ist die Furcht weg.“
 Fünf Aktionen hat Pawlenski bislang durchgeführt, an verschiedenen öffentlichen Orten und Plätzen in St. Petersburg und Moskau. Immer brauchte er für das, was er vorhatte, nur einige Minuten. Meistens tat es weh. In seiner letzten Aktion, am 19. Oktober 2014, saß er nackt auf dem Dach eines Gebäudes, das zum Moskauer Serbsky Center, einem staatlichen Institut für forensische Psychiatrie, gehört. Mit einem Küchenmesser schnitt er sich sein rechtes Ohrläppchen ab.

Was dann passiert, folgt einer fast schon ritualisierten Choreographie. Polizei, Sanitäter, Feuerwehr treffen ein. Pawlenski spricht nicht, reagiert nicht. Früher oder später wird er abtransportiert. Dann kommt er in die Psychiatrie. Ärzte erstellen Gutachten. Das Ergebnis – immer wieder dasselbe: Pjotr Pawlenski, 30 Jahre alt, russischer Staatsbürger, ist nicht verrückt. Sein Gesicht sieht ausgezehrt aus, als es auf dem Computer-Bildschirm sichtbar wird. Pawlenski steht in St. Petersburg für ein Interview per Skype zur Verfügung. Die Augen liegen tief in den Höhlen, über die Stirn ziehen sich Falten. Seine Stimme ist tief, klar und bestimmt. Pawlenski ist ein hervorragender Redner, der auf jede Frage mit einem eloquenten, minutenlangen Vortrag in seiner Muttersprache antwortet. Er verspricht sich kaum. Auch als er über komplexe Dinge redet, über Macht-Theorien, über einen Film von Michael Haneke, sucht er fast nie nach Worten. Sie strömen geradezu aus seinem Mund. Gut vorstellbar, dass er in den Verhören rhetorische Duelle gegen mittelmäßig motivierte Polizeibeamte für sich entscheidet und Psychiater mit seinem Scharfsinn beeindruckt.

Das Unrecht der Politik
Er mache politische Kunst, sagt er. Mit jeder seiner Aktionen möchte er gesellschaftliches oder politisches Unrecht kritisieren. Er setzt dafür auf wirkungsstarke Bilder, auf eine möglichst pointierte Symbolik, die das verdeutlicht, worauf er aufmerksam machen will. Über soziale Netzwerke gibt er außerdem Statements ab. Die Aktion auf dem Roten Platz, die er „Fixation“ nannte, war eine Metapher für die politische Apathie und Teilnahmslosigkeit, die der Künstler einem großen Teil der russischen Gesellschaft attestiert. Mit seinem von Stacheldraht umwickelten Körper wollte Pawlenski die Repressionen verbildlichen, die der Staat auf die Bevölkerung ausübt. Dass Pawlenski sich in seinen Aktionen selbst verletzt, sichert ihm die Aufmerksamkeit der russischen Öffentlichkeit und internationaler Medien. Das rechtliche Nachspiel, das die Aktionen nach sich ziehen, sorgt für weitere Berichterstattung. Weil er im Februar 2014 zusammen mit ein paar Mitstreitern eine Barrikade aus Autoreifen errichtete und in Brand setzte, läuft derzeit ein Verfahren wegen Vandalismus gegen ihn. Wird er schuldig gesprochen, drohen ihm bis zu drei Jahre Haft.

Pawlenski geht es nicht um vordergründige Provokation. Der Rahmen, in dem seine politische Kunst stattfindet, ist präzise durchdacht und kalkuliert: Er bewegt sich in der rechtlichen Grauzone zwischen der Freiheit der Kunst und der Störung der öffentlichen Ordnung. Um eine Aktion vorzubereiten, braucht der Perfektionist deshalb schon mal mehrere Wochen. Dem Zufall will er so wenig wie möglich überlassen. Was nach der Aktion geschieht, wie die Polizei und die Behörden reagieren, hat er nicht mehr in der Hand. Pawlenski betrachtet die Reaktionen des Staates als Teil seiner Kunst. Die Macht, so seine Idee, soll sich selbst demontieren.

In der Konfrontation des Künstlers mit der Polizei entstehen Situationen, die an absurdes Theater erinnern. Die Strukturen der staatlichen Ordnung geraten für kurze Zeit in Unordnung. Die Macht bröckelt. „Jeder Polizist“, erzählt Pawlenski, „versucht, die Verantwortung von sich zu weisen und sie jemand anderem zu übertragen. Der erste fragt den zweiten, was zu tun ist, der zweite fragt den dritten. Der fragt eine höhere Instanz. So verlagern sie die Verantwortung immer weiter. Eigentlich strahlt die russische Polizei eine riesige Macht aus, aber in so einer Situation sind sie ratlos.“ Diese Momente der Hilflosigkeit sind Pawlenskis Siege.

Nach seinen Aktionen bringt Pawlenski die staatlichen Behörden in Bedrängnis, indem er selbstbewusst auf die Kunstfreiheit plädiert. Nehmen Polizei, Richter und Staatsanwälte das hin, entsteht der Eindruck von Machtlosigkeit. Greifen sie hart durch, verhaften sie ihn oder verurteilen ihn gar – wie die Pussy-Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa – zu Lagerhaft, verhärtet sich das Bild des autoritären Staates. Vor allem im Ausland. Das verheerende internationale Medienecho, das auf den Prozess, die Inhaftierung und den Hungerstreik der Pussy-Riot-Aktivistinnen folgte, ist noch nicht vergessen. Pawlenski profitiert von der Unsicherheit der russischen Regierung im Umgang mit Oppositionellen. Wie lange noch, kann niemand sagen. Mit jeder seiner Aktionen geht er deshalb ein hohes Risiko ein. Ganz bewusst. Kunst und politischer Aktivismus lassen sich bei ihm nicht scharf voneinander abgrenzen. Unterstützung seitens der Kunstszene lehnt er ab. Er kämpft seinen Kampf allein. Seine Kunst ist frei – das meint vor allem: frei von jedem finanziellen Interesse. Er hat keine Galerien, keine Ausstellungen. Einen bezahlten Auftritt in einem Werbespot lehnte er ab. „Um glaubwürdig zu bleiben, darf kein Geld im Spiel sein“, sagt er.
Als es im weiteren Verlauf des Skype-Gesprächs darum geht, was ihn motiviert, kommt er immer wieder auf die staatliche Macht und Kontrolle zu sprechen. Anordnungen und Befehlen hat er sich schon immer gern widersetzt. Auch seinen Töchtern, vier und sechs Jahre alt, erklärt er bereits „die Instrumente der Macht“. In einfachen Worten, wie er sagt. Als Jugendlicher musste er mehrmals die Schulen wechseln, die Staatliche Kunstakademie in St. Petersburg, an der er studierte, verließ er 2012 ohne Abschluss. Probleme mit Regeln, mit Autoritäten. Enthusiastisch nahm er an den Anti-Putin-Demos in den Jahren 2011 und 2012 teil. Doch dann wurde das politische Klima immer rauer. „Während der Pussy-Riot-Prozesse“, sagt Pawlenski, „wurde dem Volk vermittelt: Ihr solltet euren Mund halten, ihr solltet euch fürchten. Die Anweisung, die Schnauze zu halten, hat bei mir den Wunsch hervorgebracht, das Gegenteil zu tun.“

Zehn Stiche für Pussy Riot
Seine erste Aktion war eine Solidaritätsbekundung für Pussy Riot. Am 23. Juli 2012 erschien Pawlenski vor der Kasaner Kathedrale
in St. Petersburg. Sein Mund war mit zehn Stichen zugenäht – eine Metapher für Künstler, die mundtot gemacht werden. Die Bilder gingen um die Welt. Seither spaltet Pawlenski mit seinen Aktionen das Land. Der russische Kulturminister Wladimir Medinski ließ verlauten, er empfehle jedem, der sich für derartige Kunst interessiere, einen Besuch im Psychiatriemuseum. Pussy-Riot-Aktivistin Nadeshda Tolokonnikova hingegen erklärte sich nach Pawlenskis letzter Aktion im Oktober vergangenen Jahres über Facebook solidarisch. Mit seinem Durchhaltevermögen und seinem eisernen Willen sei er der richtige Künstler für diese desillusionierende Zeit, schrieb sie. Auch aus der Kunstszene erhält Pawlenski Zuspruch. Der einflussreiche Galerist Marat Gelman, der bereits in den 1990er- Jahren umstrittene Performancekünstler wie Oleg Kulik und Alexander Brener unterstützte, äußerte sich anerkennend. Pawlenski als Künstler interessiere ihn schon länger, sagte der Galerist, der Russland inzwischen aufgrund von Zensur und den Einschränkungen der Meinungsfreiheit verlassen hat. Und sogar Kulik, der sich in seinen frühen Performances nackt und in als obszön empfundenen Posen in der Öffentlichkeit zeigte, meldete sich zu Wort. Pawlenskis Performance auf dem Roten Platz habe ihn „wie ein Blitz“ getroffen, sagte er dem „Calvert Journal“, einem Onlinemagazin. „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass es nach Pussy Riot noch jemandem gelingen könnte, ein so präzises Bild für unsere aktuelle Lage zu finden.“

Was Pawlenskis Aktionen außer einem rasanten Medienecho wirklich bewirkt haben, lässt sich schwer beurteilen. Der Künstler antwortet bescheiden auf die Frage, was er sich erhoffe: Dass die Leute entschlossener handelten und mehr Verantwortung übernähmen, für sich und für andere. Mit Kunst, und sei sie noch so radikal, kann man die Welt nicht verändern, die politischen Zustände nicht umformen, das weiß auch er. Den Beweis erbracht, dass man der Apathie, dem Stillhalten und sich Kleinmachen etwas entgegensetzen kann, hat er allemal. Das ist nicht wenig im heutigen Russland.

Gut zwei Stunden saß Pawlenski im vergangenen Oktober auf dem Dach des Serbsky Centers. Die Außentemperatur lag unter null Grad. Sein Ohr blutete. Pawlenski genießt das nicht. Er ist kein Masochist. Am Fuß der Mauer standen Polizisten, Sanitäter und Feuerwehrleute, sie hatten heißen Tee vorbereitet und Sprungmatten ausgelegt. Sie warteten ab, was er tun würde. „Die Versuchung zu springen war groß“, sagt Pawlenski. Die Aussicht auf Wärme lockte. Dann dachte er an politische Gefangene im Hungerstreik, die jeden Tag dem Essen widerstehen mussten, das man ihnen vor die Nase stellte. Und blieb sitzen, bis sie ihn holten.