Kunst. Werte. Leidenschaft.

© Tyler Shields  

Prestige steht beim Kunstkauf ganz oben

Geld und Geltung

Die Art Basel hat erneut gezeigt: Reines Namedropping ist bei der Wahl von Kunst langweilig, bequem, feige. Mehr Distinktion kann sich der Sammler stattdessen durch Entdeckungen oder Tabubrüche verschaffen. Ein Dossier über Rich Kids und schön verpacktes Geld

Der ukrainische Expräsident Viktor Janukowitsch leistete sich in seiner Villa bei Kiew, der Datscha Meschigorje, teure Trophäen: Teller aus der Hermès-Kollektion „Cheval d’Orient“ (zu einem Stückpreis von 1470 Euro), das Gemälde „Christus und die Sünderin“ des russischen Malers Wassili Polenow (für 4,5 Millionen Pfund), außerdem goldene Wasserhähne, jede Menge Marmor und angeblich sogar einen Privatzoo mit Straußen und Antilopen. Nun könnte man behaupten, Janukowitsch ist ein Sonderling. Ein Verschwender. Ein Einzelfall. Menschen seiner Sorte, die viel Geld, Macht und einen dubiosen Geschmack besitzen, gibt es nur noch auf dem Gemälde von Josef Danhauser „Der reiche Prasser“, 1836. Nicht ganz: Man schaue sich nur auf Instagram die „Rich Kids“ an: reiche Jugendliche aus den USA, die während ihrer Schampus-Orgien Selfies schießen. Oder stolz ihr Handgelenk ablichten – mit gleich neun Armreifen, natürlich aus Edelsteinen. Popcorn von Prada, Milch von Hermès, Champagner von Louis Vuitton – das Lechzen nach Luxus zeigt auch der Fotograf Tyler Shields in seiner Serie „Indulgence“. Zugegeben, seine Bilder sind Fakes, vielleicht aber bald nicht mehr. Die Zahlen geben Shields recht: Rund drei Milliarden Euro hat Hermès bis Ende September 2014 eingenommen. Das ist ein Plus von zwölf Prozent. Das Streben nach Geltung ist eine anthropologische Konstante. Auf der einen Seite erscheint sie gesund und antreibend, auf der anderen krankhaft. Dann nämlich, wenn sie in Machtrausch ausartet und sich aus Minderwertigkeitsgefühl nährt, so der österreichische Psychoanalytiker Alfred Adler (1870–1937). In der nach außen hin gern als kultiviert etikettierten Kunstszene wütet geradezu eine Gier nach Geltung – in der mal mehr, mal weniger gesunden Form. Je teurer ein Kunstwerk, umso besser. Umso mehr Ansehen verleiht es dem Besitzer. Oder warum sonst strömen Besucher scharenweise auf eine Messe wie die TEFAF, um dort Trophäen zu 30 bis 300 Prozent höheren Preisen zu ergattern als deren Einkaufspreis? Und noch eine goldene Regel gilt: Der Name des Künstlers, nicht selten wie ein Label promotet, muss triggern. Muss heiß machen, wie der Anblick von Gold oder viel Geld. Denn ja, manchen Werken sieht man die Millionen an. Und darum geht es. Schön verpacktes Geld. Während ein Buch oder eine Platte erst aus dem Regal gekramt werden müssen, sind Gemälde und Skulpturen in den meisten Wohnungen und Villen sichtbar. Sie sind stolz zur Schau gestellt – mit Spotlight, auf Sockeln, immer in Sichtweite. Verrät die Machart der Arbeit zudem den Künstler, ist die Trophäe perfekt. Man denke nur an die glänzenden Stahlskulpturen eines Koons, die knallbunten Siebdrucke eines Warhol, die niedlich aufgeblasenen Figuren eines Botero oder die durchgeschlitzten Leinwände eines Fontana. Diese Babys brauchen kein Namensschild. Sie outen sich von selbst. Auf Kunstmessen wird solche leicht wiedererkennbare und nicht selten auch leicht konsumierbare Ware gern angeboten. Die Quadratmeter, auf denen der Galerist seine Exponate vorführt, sind schließlich teuer (rund 500 Euro pro Quadratmeter). Da kann er sich kaum Experimente erlauben. So geschehen im Dezember 2014 auf der Art Basel Miami Beach, die für ihre After-Partys, das entsprechende Publikum und eben den kommerziellen Charakter ihrer Kunst bekannt ist. Kommerziell heißt: schön, nicht zu kontrovers, am besten abstrakt und unbedingt von einem „Big Name“. So aber auch geschehen – mehr als in den Jahren zuvor – auf der diesjährigen Frieze in London. Markenware, ja, Mut, naja – schien das Motto.

Anna SkladmannVadim on his Rooftop, Moskau, 2009, aus der Serie Little Adults, 2008-2010Archival Pigment Print, 65 x 80 cm
© Anna Skladmann "Vadim on his Rooftop", Moskau, 2009, aus der Serie Little Adults, 2008-2010 Archival Pigment Print, 65 x 80 cm

Von Francis Bacons „Study from Human Body“ bei der Marlborough Gallery für maximal 25 Millionen Euro bis zu Thomas Ruffs Fotografien von Maharadschas für jeweils 6000 Euro (Letztere hatte Konrad Fischer schon auf der Art Basel im Juni im Gepäck) – Käufer dieser Kunst konnten ruhigen Gewissens davon ausgehen: Ihre Hausgäste werden beeindruckt. Am schnellsten wohl von Bacon durch seinen Signature Style, die verzerrten Figuren. Aber immerhin: Beim Präsentieren auch der günstigen Trophäe kann der Besitzer theatralisch ausrufen: Das ist ein Ruff! Thomas Ruffs Fotografien hat die Autorin dieses Textes im Herbst 2014 übrigens bei gleich drei Sammlern gesichtet – wenn auch die teure Variante: den Sternenhimmel. Große Egos greifen nach den Sternen. Klar. Die bisher teuerste Version davon kostete 2012 bei Phillips 160 000 Dollar (etwa 125 000 Euro). In der Galerie Schöttle waren es 1996 noch 25 000 D-Mark. Die Sternenbilder haben also ihren Wert in 16 Jahren verzehnfacht. Auch das ist ein Triumph. Aber am 2. Juli diesen Jahres floppte eine Version bei Christie’s in London (Schätzpreis 50 000 bis 75 000 Euro).

Namedropping ist feige
Marken sind nicht immer eine Garantie. Und in gewissen Sammlerkreisen kann es als langweilig und bequem diffamiert werden, reines Namedropping zu betreiben. Als nachahmerisch, mitläuferisch, feige. Und in gewissen Fällen sogar als dumm: Dann nämlich, wenn es sich um besonders schlechte Werke von bekannten Künstlern handelt. Picasso, der sich stets weiterentwickelte – von der Blauen, in die Rosa oder auch Ocker Periode, den Kubismus und so weiter – ist eine Ausnahme. Ein Genie, das seinen Signature Style ständig und bereitwillig aufgab. „Man muss sich immer wieder die Haut vom Leibe reißen“, soll er mal gesagt haben. Den Spanier trieb es aus dem Inneren heraus zu neuen Stilen. Die Bilder seiner Blauen Phase fand das Publikum damals scheußlich, die Körper krank in ihrem blauen Anstrich. Aber davon ließ sich Picasso nicht erweichen. Gerhard Richter gehört ebenfalls in diese Kategorie. Wenn Georg Baselitz aber seine auf den Kopf gestellten Motive auf die alten Jahre hin er- neut malt, als Remixes, mutet das nach Massen-Markenproduktion an. Nach Marktbefeuerung. Nach schlechter Trophy. Mehr Distinktion verleihen kann sich der Sammler heute, in Zeiten, da bis zu 90 000 Besucher Messen nach Waren durchkämmen, durch das sogenannte Entdecken. Denn hier geht es nicht so sehr darum, seinen Besitz allein zu demonstrieren, sondern auch sein Können. Und dorthin scheint sich die Elite der Kunstkäufer zu bewegen. Sein und Haben zählen jetzt wieder. „Kunst muss nicht glitzern!“ und „Ich sammle gegen den Trend“, beteuert die russische Oligarchengattin Stella Kesaeva. Dieses Beuteschema würde man der schlanken, austauschbar aussehenden Schönheit mit Sonnenbrille, Sonnenbräune und Stilettos nicht unbedingt unterstellen. Umso erfrischender ist es, sie über Kunst sprechen zu hören. Erst so verschafft sie sich Geltung. Nach der Zeit der Gier, des Geldbooms und der schnellen Käufe Ende der 1990er- und Anfang der Nuller-Jahre, nach dem Überfall der Neureichen auf den Kunstmarkt und den medienwirksamen Shoppingtouren scheint sich die internationale Sammlerschaft und deren Nachwuchs wieder durch Intelligenz, Entdeckung, vielleicht sogar Stilbruch profilieren zu wollen.

Dafür liefert Jürgen Teller guten Stoff. Der Fotograf hat die Reichen und Schönen hemmungs- und vor allem schamlos nachgeäfft und sie mit jedem seiner Fotos so richtig durchgeschüttelt. Zur Frieze war Teller im Londoner Soho House zugegen, einem Klub für wohlhabende Hipsters. Auf abgeranzten Ledersofas saßen sie im Kaminzimmer und hingen amüsiert an Tellers Lippen. Der 50-Jährige – lässig in Jeans, Turnschuhen, pinkem Pulli und mit Goldkette in seinen Sessel gesunken – sprach ungestellt, ungeniert und nippte dabei immer wieder an seinem Weinglas. Teller erzählte dem noblen Nachwuchs von seiner Kindheit, seinem Alkoholiker-Vater, seinem Ausriss aus der Provinz Erlangen nach London. Und schließlich von seiner Abneigung gegenüber der Schönheitsindustrie, die ihn dazu trieb, Tabubruch zu begehen: schonungslose Bilder zu schießen. „Why not showing the body how it is?“, fragte er in die Runde? Oder begründete sein provokantes Posing auf manchen Fotos mit: „You know, I’ve never seen my asshole.“ Das Publikum, das jährlich 1500 Euro für die Mitgliedschaft im Soho House ausgibt, sich viel leisten kann und von vielen Dingen im Leben vermutlich auch schnell gelangweilt ist, war tatsächlich gebannt. An anderen Stellen lachte es losgelöst – vielleicht auch über sich selbst. Spott macht Spaß – und sensibler für gewisse Themen. Zum Beispiel für die Realität da draußen. Den unschönen Körper. Die unperfekte Nase. Das unwahre, das geltungssüchtige Selbst? Die Zeit, als der Russe, der Chinese und, ja, auch der Deutsche Koons’ Pudel hinterherhechelten – aus Geltungs- streben wohl mehr als aus Überzeugung –, scheint durch neue Bedürfnisse verdrängt zu werden.

Während die einen einem künstlerischen Revoluzzer zuhörten, verschleuderten anderswo in London andere auf Auktionen hohe Summen. Bei Phillips wurde während der Frieze eine Koons-Lok aus Edelstahl angeboten, die zur Aufbewahrung einer Flasche Bourbon dient. Das Werk wirkt wie ein Lifestyle-Objekt. Wie ein Luxusartikel, den es – natürlich! – zitieren und ironisieren will. Den Betrachter besticht aber eher sein Glanz als die Analyse des Zitats. Die Lok schaffte es dennoch auf 962 000 Pfund. Der Preis macht die Trophäe. Sicher. Doch, wie war das, Kunstwerte entstehen durch den Vergleich? Dann gilt: Kunst und Konsum hat vor Koons schon Warhol verschweißt und der Kunstwelt vorgeführt. Wenn sein Nachfolger die Strategie weiter ausreizt, ist es dann nicht so, als würde da einer Boteros Figuren nur noch mehr aufblasen? Was hat Koons hier an entscheidend neuen Gedanken oder gar großen Gefühlen verarbeitet? Der symbolische Wert der Lok scheint zum Beispiel neben dem der „Guernica“, die den ganzen Schmerz der Katastrophe von Francos Militärangriff auf die baskische Stadt Gernika in sich trägt, schwindend gering. Ein Sammler sollte sich dessen bewusst sein, wenn er so viel Geld ausgibt. „Auf dem heutigen Kunstmarkt“, sagt der Medientheoretiker Boris Groys, „tritt Kunst in erster Linie als Werk und nicht mehr als Aussage auf. Oberflächen und Markennamen interessieren mehr als die transportierten Inhalte.“ Das macht Kunst zum Fashion-Accessoire. „The Times“ erlaubte sich, ein paar Tage nach Eröffnung der Frieze einige Sammler mit ihren Markenartikeln an Kopf, Füßen und Taille abzulichten. Die lebenden Marken-Mannequins waren am häufigsten geschmückt mit Taschen von Hermès (etwa Corinne Flick) oder Schuhen von Chanel. Auch darüber verschafft man sich Geltung. Kunst kann aber, im Gegensatz zu einer sündhaft teuren Kelly-Bag (im Dezember 2013 wurde eine für 125 000 Dollar versteigert), mehr. Sie kann etwa dazu dienen, neue Ideen an- oder gesamte Weltanschauungen umzustoßen. Reiche Sammler können dem Trophy-Trading erliegen, sie können aber auch versuchen, mit ihrem Kauf einen Diskurs anzuschieben und den Kunstbetrieb in eine bestimmte Richtung zu steuern. Kurz: Der Sammler kann die Welt ein Stück weit mitgestalten. So pathetisch das klingen mag. Als der Hamburger Richter Gustav Schiefler den Künstler Emil Nolde dabei förderte, mit seiner Malerei weiterzumachen, hat er ein Talent am Leben erhalten, dessen Name bis heute in der Welt nachklingt und in jedem Schulbuch zur Kunstgeschichte steht. Was bitte ist mehr Antrieb fürs Ego als ein Akt dieses Ausmaßes – und hat mehr Tragweite? Wirkt ein Ausruf wie „Ich habe dem Künstler damals die Farben finanziert!“ oder „Ich habe seine ersten Werke gekauft“ nicht großartiger? Und großspuriger auch. Sammler sind Opinionleader, stellt Katja Bloomberg in ihrem Buch „Kreative Wertgestaltung“ fest. Sie bestimmen die Nachfrage am Markt, in dem sie für enorme Summen Kunst kaufen. Sie haben es also in der Hand.

Lifestyle ist eine Luftnummer
Kunst ist Lifestyle. Sicher. Ursprünglich meint der Begriff aber eine bestimmte Lebenseinstellung, auch gegenüber der Kunst, den Künstlern, den Galeristen. Nach Meinung von Wilhelm Schmidt, Professor für Philosophie an der Universität Erfurt, geht es beim Lifestyle um eine selbstbestimmte Art der Lebensführung, eben keine Fremdsteuerung. Darum, „kein Getriebener im konsumistischen Verbrauch zu sein“. Auf die eigene Meinung und Geschmacksbildung kommt es an. Auf ein verfeinertes, ein festes Urteil, das man nicht so leicht ins Wanken bringen kann. Damit einher geht auch ein Sichfreimachen von den umstoßenden Zurufen von so manchen Galeristen oder anderen am Markt beteiligten Akteuren, die einen mit Marken einlullen wollen. Chris Dercon, Leiter der Tate Modern in London, versucht mit viel Charme, Networking und Visionen – und wohl auch aus der Not der Museen heraus – reiche Sammler davon zu überzeugen, öffentliche Institutionen zu unterstützen. Sein Versprechen im Gegenzug: Knowledge. Und: Nachhaltigkeit. Im Museum seien die Reichen den „Taste Makers“ nah, von denen sie lernen könnten und so erst dauerhaftes Prestige erfahren. Als Ego-Einkäufer fristeten sie indes ein Dasein als reine „Taste Follower“. Dercon geht noch weiter: „Ökonomische Macht bedeutet nicht gleich kulturelle Macht.“ Die sieht er eindeutig in den Händen von Museumsleuten – also seinen eigenen. Dercon hat nicht Unrecht mit seinem Knowledge-Nimbus. Wenn ein auf dem Gebiet der Kunst gebildeter Mensch, mag er auch nur wenige Euro auf seinem Konto zählen, zufällig in ein Haus eines finanzstarken Kunstbesitzers tritt, kann er dessen Ruhm mit einem Blick oder Urteil vernichten. Und ihm die Freude an den Trophäen nehmen, hängen in dem Haus nur mittelmäßige Marken. Dann wirkt der bedeutungsgeladene Ausruf „das ist ein Ruff“ oder „Bacon“ brustabschwellend. Auf der Frieze sorgte in diesem Jahr ein Stand, der wie ein Sammlerapartment von 1968 eingerichtet worden war, für Aufmerksamkeit. Mehr noch als die kargen Kojen mit schön platzierter Markenkunst. Aus Gold oder aus Marmor waren die Wände der nachgebauten Wohnung nicht. Chaos, könnte man wohl behaupten, beherrschte den Nachbau. Und darin: Gemälde, Bücher, Zeitschriften, Briefe. Letztere standen für den Schriftwechsel zwischen dem Sammler und den Künstlern, die er interessant fand. Die Nähe zum Künstler, der Zugang zu seinen Gedanken und schließlich der Kauf seiner Arbeiten, das ist erst mal ein Lifestyle. Einer, der sich ebenfalls an der Wohnung ablesen lässt. Ob man nun den Briefwechsel mit einem Koons oder mit weniger zu Marken verkommenen Künstlern bevorzugt, ist eine Frage des Geschmacks – und sicher auch des Charakters. Die Autorin dieses Textes ist auf der Frieze 2014 auf die Arbeiten einer Künstlerin namens Marinella Senatore gestoßen, die geistreich und noch günstig waren (10 000 Euro für vier Zeichnungen und ein Video). Mit ihr wäre ein Austausch anregend, amüsant und aufschlussreich über die Themen unserer Zeit. Senatore vereint Menschen aus verschiedenen Schichten, Berufsgruppen und Ländern, um sie beispielsweise gemeinsam einen Tanz erlernen zu lassen. Ihre Performances rühren aus der Beobachtung, dass sich die Leute heute mehr denn je voneinander distanzieren und kaum noch solidarisieren. Sich mit ihr auszutauschen, könnte eine echte Bereicherung sein. Aber, zugegeben, Kunstliebhaber sind keine Soziologen: Senatores Zeichnungen müssten natürlich auch ins Haus.