Kunst. Werte. Leidenschaft.

Sandra Kranich in Rüsselsheim

Die Ruhe und der Sturm

Die Frankfurterin Sandra Kranich lässt alles, was sie anfasst, am Ende in die Luft gehen: Feuerwerk ist größter Bestandteil ihrer Kunst, der man beim Explodieren zusehen darf. Heraus kommen performative Skulpturen, die sie jetzt in den Opelvillen zeigt. Ein Porträt

Es ist ein kalter Vormittag in Frankfurt, die Stadt ist leer, nichts los. Auch in Sandra Kranichs Atelier ist es still an diesem trüben Sonntag. Ihr Studio liegt im Zentrum, in unmittelbarer Nähe zur Europäischen Zentralbank, und gehört zur Produktions- und Ausstellungsplattform „basis“. Das Gebäude wurde 1907 ursprünglich als Nobelhotel eröffnet. Ein neoklassizistischer Bau, der in der Nazizeit als Gauhaus zweckentfremdet wurde. Heute, 70 Jahre später, stehen hier Dutzende Ateliers auf rund 350 Quadratmetern jungen aufstrebenden Künstlern zur Verfügung. Sandra Kranichs Kunst ist so völlig anders als die Ruhe, die in der „basis“ herrscht. Sie explodiert, kracht, macht Lärm. Die 1971 
in Ludwigsburg geborene Künstlerin arbeitet vornehmlich mit Pyrotechnik, also mit Feuerwerkskörpern. Und das seit 15 Jahren. Von 1998 bis 2001 war Kranich noch Studentin an der Städelschule in der Klasse von keinem Geringeren als Thomas Bayrle, dem berühmten deutschen Maler, Grafiker, Video-Künstler und Vertreter der Pop-Art, der sich in seinen Werken immer wieder mit Konsum und Trivialität auseinandersetzt. Am Anfang von Kranichs Schaffen waren Zeichnungen: Sie versuchte sich an unterschiedlichen geometrischen Formen, an Weltraumarchitekturen und Planetensystemen und an Strukturen, die explodieren, sich verformen oder auflösen. Zum Jahreswechsel 1999/2000 dann das erste Feuerwerk: Die damals 28-Jährige ließ eine aus Tausenden Streichhölzern zu Kugeln und Türmen verbaute Skulptur per Zündschnur in die Luft gehen. Damals brauchte sie dafür noch einen Pyrotechniker. Heute kann sie das selbst – seit 2003 ist die Künstlerin staatlich anerkannte Pyrotechnikerin.

Der Innenraum ist ihr Terrain 

Sandra Kranich ist Profi und Perfektionistin, also alles andere als
ein zerstörerischer Rowdy. Sie plant ihre Arbeiten akribisch: Diese entstehen, wie die sympathische Wahlfrankfurterin erklärt, „von der Zeichnung zur Skulptur“, selten andersherum. Soll heißen: Kranich zeichnet unterschiedlichste Formen, probiert sich erst einmal auf dem Papier aus. Anschließend baut sie die entsprechenden Modelle, die die ausgedachten Formen greifbar machen. Doch gibt sie sich auch hier nicht unbedingt mit dem ersten Entwurf zufrieden. Und dann kommt manchmal doch alles anders als geplant. Denn die präzisesten Planungen werden bei der Zündung gelegentlich über den Haufen geworfen. Enttäuscht war Kranich bisher noch nie darüber. „Ich habe natürlich Wünsche, was mit den Körpern passiert, aber letztlich gibt es immer Überraschungen, Feuerwerk hat einen selbstständigen Charakter. Ich liebe das. Das Werk bekommt so eine eigene Dynamik.“ In ihrem Atelier sind auf einem großen Tisch vier verschiedene Skulpturen nebeneinander aufgebaut – der Entwurf für ihr neuestes Kunstwerk. Kranich wird die Skulpturen in den nächsten Wochen gemeinsam mit einem Schlosser in Messing gießen. Der Schlosser baut dann Scharniere in sie ein, sodass Kranich jeden der hohlen Körper am Stichtag der Explosion öffnen und wieder schließen und gemeinsam mit einem Sprengmeister mit Feuerwerkskörpern füllen kann. Die Körper, so ist es diesmal vorgesehen, sollen in einem alten Steinbruch explodieren, das Spektakel wird von einem Filmteam aufgenommen. „Die Module werden letztlich deformiert, bekommen Löcher und Verfärbungen.“ Die Skulpturen und der Film dazu sind seit dem 28. Juni erstmals in ihrer Einzelausstellung in den Opelvillen in Rüsselsheim zu sehen sein. Bei dieser Arbeit werden ausnahmsweise keine Zuschauer der Explosion beiwohnen, da viel Sprengstoff im Einsatz ist. Und noch etwas wird diesmal anders sein: Eigentlich ist der Innenraum, sind Galerieräume ihr Terrain. Diesmal wird draußen gesprengt, was Kranich sonst nicht so mag: „Feuerwerk draußen kennt jeder, drinnen ist es aber etwas völlig Neues.“ Das finden auch die Besucher, die gerne in die Galerie strömen, wenn Kranich zu ihren Explosionen lädt. Das Ganze spielt sich für gewöhnlich so ab: Am Eröffnungsabend ist es anfangs ruhig, absolute Stille. Das Publikum scheint gespannt die Luft anzuhalten – bis es plötzlich kracht, zischt, explodiert. Und danach? Die Ergebnisse, die zerfetzten Materialreste, bleiben in aller Stille im Raum oder an der Wand hängen. Auch die nächsten Wochen noch. Daneben zeigt die Künstlerin Zeichnungen und skulpturale Werke. So zum Beispiel die aus goldenen Dosen, verbrannten Feuerwerkskörpern, Stahlseilen und Kabeln gepresste Skulptur „Compact Time“ von 2012. Sie ist das Produkt einer Ansammlung aus Materialien, die Kranich einmal in Zürich in die Luft gehen ließ. Anstatt sie zu entsorgen, schuf sie ein neues Kunstwerk daraus.

Malerische Rußspuren

In ihrem Frankfurter Atelier steht eine dieser „Compact Time“- Skulpturen – und im großen Wandregal noch eine der unberührten goldenen Dosen, die es damals nicht bis nach Zürich geschafft hat. Ein starker Gegensatz, der verdeutlicht, dass Kranichs Arbeiten immer ein „Vorher“ und ein „Nachher“ anhaftet. Inmitten dieser Transformation findet der performative Akt statt: die Explosion. Beim Werk „Dark Triangle“ von 2013 beispielsweise bringt Kranich dafür an den beiden Wänden, die sich in einer Raumecke berühren, jeweils eine Skulptur an: Die eine ein Dreieck aus Aluminium, die andere ein dreieckiger Aluminiumrahmen. Die an beiden Objekten befestigten Feuerwerkskörper explodieren und zeichnen individuelle, nicht planbare Rußspuren an die Wände. Beliebig oft ist dieses Prozedere wiederholbar. Ebenso bei „Bag Bang“ von 2013, eine Handtasche, die Kranich aus Zement gegossen hat. Und die still und leer noch „kein Kunstwerk“ sei, erklärt Kranich. „Sie muss mit Munition gefüllt sein. Die Pyrotechnik gehört hier einfach dazu.“ Mit der Auswahl der Feuerwerkskörper bestimmt Kranich immer auch die Farben und Effekte der Werke. Elke Gruhn, die Künstlerische Leiterin und Kuratorin des Nassauischen Kunstvereins, in dem Kranich noch bis zum 26. April 2015 an einer Gruppenausstellung teilnimmt, bezeichnet diesen bewussten Einsatz als „Narration ihrer Lichtzeichnung“. Narration ist ohnehin ein wichtiges Thema: Kranichs performative Werke erzählen immer eine Geschichte von Konstruktion und Destruktion. Und es scheint, als wolle die Künstlerin die Zeit anhalten, die Energie, die während der Explosion verpufft, für einen Moment einfangen: „Die Skulptur ist der Körper, der durch das Feuerwerk für kurze Zeit lebendig wird.“ Ihre Kunst klingt zwar nach Spaß und Silvester, nach Fest und Freude. Aber sie birgt auch etwas Bedrohliches in sich: eine Wirkung, die von den Geräuschen verstärkt wird. Damit dann doch nichts schiefgeht, setzt Kranich, die zwar selbst Pyrotechnikerin ist, während der Explosionen auf die Unterstützung einer Feuerwerkerei. Der Grund: „Die Firmen bringen die Versicherung mit, die enorm wichtig ist.“ Und teuer. Auf die Frage, ob ihre Kunst in der Produktion nicht ganz schön kostspielig sei, antwortet Kranich nur mit einem Lachen – und einem „Oh ja!“. Im Fall der Rüsselsheimer Opelvillen, die als gemeinnützige Stiftung nur begrenzte Mittel zur Verfügung haben, halfen private Sponsoren, wie Beate Kemfert, Kuratorin der Ausstellung und Mitglied des Stiftungsvorstands, verrät. Sie ermöglichten eine aufwendige Schau mit neuen Werken der Künstlerin. Diese groß angelegte Ausstellung zeigt zugleich, dass das Interesse an Kranichs Kunst zugenommen hat – und die Bereitschaft der Institutionen für Extravagantes.
 Auch Galerist Philipp Pflug bestätigt das, der Sandra Kranich seit Anfang 2014 vertritt. Pflug schätzt – so sehr es auch erstaunt für einen Händler – den performativen Charakter ihrer Arbeiten. Und er berichtet von drei Sammlern, die bereits einige Werke der Künstlerin erworben haben. Eine schwäbische Dame etwa habe sich für ein Metallrelief entschieden mit dem Wunsch, dass dieses bei ihr gezündet würde. Interesse, das auch Matthias Kunz von der Galerie Sabine Knust bestätigt. Kunz glaubt, dass die Arbeiten besonders jene Sammler ansprechen, die sich nicht nur ein dekoratives Bild an die Wand hängen wollen, sondern sich für die Grenzverschiebung in Kranichs Kunst interessieren. Denn gerade diese zeichnet ihre Ideen aus: Ihre Kunst wird vom Objekt zur Performance und kehrt letztlich wieder in den Zustand des Gegenständlichen zurück. Die junge Frau spielt dabei mit Gegensätzen. Das Heile kann nicht ohne das Kaputte, die Ruhe nicht ohne den Sturm.

Sandra Kranich, "Dynamic Memory", 1. Juli bis 25. Oktober 2015, Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim