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Nacktes Ärgernis in Venedig, bevor es einer Laterne weichen musste: „Boy with Frog“, 2009, Edelstahl, bemalt, 244 x 75 x 105 cm, Pinault Collection. Foto: © Charles Ray, Courtesy Matthew Marks Gallery 

Charles Ray in Chicago

Der Zeitlose

Das Art Institute of Chicago präsentiert derzeit einen Überblick über das skulpturale Werk von Charles Ray. Von international renommierten Kuratoren wie Francesco Bonami hoch geschätzt, findet es auf dem Auktionsmarkt dennoch bisher kaum Beachtung

Als Charles Ray im Jahr 2009 seine erste explizit für den öffentlichen Raum konzipierte Skulptur an der Spitze der Punta della Dogana in Venedig installierte, war die Meinung in der Bevölkerung vor Ort gespalten. Wie immer, wenn es in der Lagunenstadt um eine deutlich sichtbare Präsenz zeitgenössischer Kunst geht, standen die heimischen Traditionalisten sofort im Clinch mit den zahlreichen internationalen Kunstliebhabern, die das ehrgeizige Projekt der Pinault Collection fast ausnahmslos bejubelten. Doch der „Boy with Frog“, ein zweieinhalb Meter großer nackter Junge aus blütenweiß bemaltem Stahl, der in seiner erhobenen Rechten einen Frosch am Bein baumeln lässt, erhitzte nicht nur die Gemüter von Tierschützern und anderen Sittenwächtern. Man vermisste schließlich auch die Laterne aus dem 19. Jahrhundert, die den prominenten Ort an der Gabelung von Canal Grande und Giudecca-Kanal früher als romantischen Treffpunkt erleuchtete. Und so wurde Rays Skulptur im vergangenen Jahr im Auftrag der Stadtverwaltung kurzerhand wieder entfernt.

In Europa wenig präsent

Anders als etwa das Werk vergleichbarer Künstler wie Jeff Koons oder Katharina Fritsch ist Charles Rays Schaffen in Europa bisher erstaunlich wenig präsent. Exklusiv vertreten von der Matthew Marks Gallery in New York und Los Angeles, erscheint er auch auf dem Auktionsmarkt fast nur in den USA. Den Preisrekord in diesem Marktsegment hält die naturalistisch bemalte, in einer Auflage von drei Exemplaren gefertigte Skulptur „Male Mannequin“ (1990), die bei Christie’s New York im November 2000 bei zwei Millionen Dollar zugeschlagen wurde. Für 2,7 Millionen Dollar wechselte dann beim gleichen Versteigerer erst im November 2011 das Tischarrangement „Table“ (1990; Auflage drei Exemplare) den Besitzer – allerdings zu einem aus damaliger Sicht deutlich schlechteren Euro-Dollar-Wechselkurs.
Einen regelrechten Flop erlebte Sotheby’s New York dann im Mai 2012, als das, gemessen an den Primärmarktpreisen, durchaus realistisch auf vier bis sechs Millionen Dollar geschätzte „Aluminium Girl“ von 2003 gar keinen Kaufinteressenten fand. Immerhin: Zwei Jahre später, im November 2014, schlug ein anonymer Bieter bei Sotheby's New York zu und zahlte 1,7 Millionen Dollar für die Skulptur. Den vierten Platz markiert im Moment das von Phillips de Pury & Company am 16. November 2006 in New York versteigerte Karussell „Revolution Counter-Revolution“, ein Unikat, das ebenfalls im Jahr 1990 entstanden ist. Mit 1,4 Millionen Dollar lag der Zuschlag hier aber doch deutlich unter den vom Auktionshaus erhofften 1,5 bis zwei Millionen.

Minimalistische Skulpturen sind beliebt

Ein Exemplar dieser ebenfalls in drei Exemplaren gefertigten naturalistischen Frauenfigur wird aktuell in einer Ausstellung mit Rays Skulpturen von 1997 bis heute in Basel präsentiert. Sie steht exemplarisch für das gegenwärtige Schaffen des in Los Angeles beheimateten Künstlers, der sich in den vergangenen Jahren auf die Suche nach dem Zeitlosen in der plastischen Darstellung des menschlichen Körpers gemacht zu haben scheint. Die performativen und spielerischen Aspekte des Frühwerks spielen dabei offensichtlich keine Rolle mehr. Der Auktionsmarkt setzt seine Präferenzen aber nach wie vor deutlich anders. Fotoarbeiten wie „Plank Piece I-II“, die eine Performance von 1973 dokumentieren, erreichen im Zeitraum von 2000 bis heute immer wieder konstante Preise von umgerechnet 300 000 bis 350 000 Euro. Auch die vor 1997 entstandenen, oft minimalistischen Skulpturen sind offenbar bei Sammlern beliebt. So kostete die Arbeit „32 x 33 x 35 = 34 x 33 x 35“ (1989) im Jahr 1995 bei Sotheby’s New York noch 60 000 Dollar, während man elf Jahre später im selben Haus schon 650 000 Dollar für das Stück bezahlen musste. Ein „Boy with Frog“ würde dagegen im Moment keinen angemessenen Preis erzielen. Eigentlich nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass er sich in Venedig nicht einmal gegen eine Laterne aus dem 19. Jahrhundert behaupten kann

bis 4. Oktober 2014, Charles Ray, "Sculpture, 1997-2014", The Art Institute Chicago