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Curated by_vienna

Veit Loers im Gespräch

Curated by_vienna: Das Wiener-Galerie-Projekt geht in diesem Jahr in die siebte Runde. 20 Kuratoren konzipieren in 20 Galerien Ausstellungen zu einem titelgebenden Essay. Mit dabei: Der Kurator Veit Loers, der sich in der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman austobte

Die theoretische Vorlage für die beteiligten Galerien und Kuratoren bildet jedes Jahr ein Essay. In diesem Jahr wurde der Philosoph und Literaturwissenschaftler Armen Avanessian eingeladen: In „Tomorrow Today“ beschäftigt er sich mit künstlerischen Strategien für eine post-kapitalistische Ära. Vor der Eröffnung von curated by_vienna am 10. September 2015 (18 – 21 Uhr) traf Sabrina Möller von artandsignature.com den Kuratoren Veit Loers zum Gespräch über seinen Umgang mit dem Thema und seine Ausstellung „Retro Store“ in der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman.


Armen Avanessian ist einer der Mitbegründer des Akzelerationismus - eine neue politische Philosophie. Als Impulsgeber der diesjährigen Ausgabe von curated by_vienna hat er nicht nur einen Text geliefert, der viele Anknüpfungspunkte liefert, sondern der auch kontrovers diskutiert werden kann. Wie haben Sie reagiert bzw. was waren Ihre ersten Überlegungen als Sie mit dem Konzept konfrontiert wurden?

Avanessian schreibt in den ersten Zeilen seines Textes, dass „Science Fiction heute der bessere Realismus“ ist. Ich bin ein alter Fan von Science Fiction und als Kurator wurde ich dadurch immer wieder beeinflusst. Daher hat mir das gleich gefallen. In Science Fiction steckt auch Poesie und eine beachtliche Vorstellungskraft. Schon beim Lesen musste ich direkt an Neil Beloufa denken. Aktuell bereitet er eine Ausstellung im MoMA New York vor, wodurch ich nicht so umfangreich mit ihm arbeiten kann, wie ich es mir gewünscht hätte. Doch auch so wird es eine spannende Gruppenausstellung. Ausschlaggebend für meine Ideenfindung war der Titel der diesjährigen Ausgabe von curated by_vienna: denn zu „Tomorrow Today“ gehört für mich auch „Yesterday“, oder etwa nicht? Franz West war mein bester Freund, daher sehe ich es als eine Art Freundschaftsbezeugung, seine Werke in die Ausstellung miteinzubinden. Es ist das erste Mal, dass ich Arbeiten von ihm in Wien ausstelle. Neben Neil Beloufa und Franz West werden auch Arbeiten von John Armleder, Carmen Brucic, FORT, Maria Grengg, Michael Kienzer, Rudolf Polanszky, Anne Speyer und Alexander Wolf zu sehen sein. Es sind also auch einige Künstler aus dem Galerieprogramm berücksichtigt, was ich als sinnvoll erachte, weil es den Status quo kennzeichnet.

Science Fiction bedeutet bei Avanessian auch, dass man sich gedanklich in die Zukunft beamt, um von dort aus unsere heutige Situation zu beurteilen. Er behauptet, dass aus dieser Perspektive die Zeitgenössische Kunst bereits am Verschwinden ist…

Das ist Spekulation. Die Zeitgenössische Kunst wird antiquiert werden. Vielleicht verschwindet sie in dem Sinne, als dass sie in Lagern und Magazinen steht oder sie hat sich dann in eine Art Ruhezustand begeben. Doch das bedeutet nicht, dass die Zeitgenössische Kunst nicht weiter eine Rolle spielen könnte.

Wie sind Sie bei der Auswahl der Künstler vorgegangen? Gab es Kriterien?

Nein, ich habe mir selber keine konkreten Kriterien gesetzt, noch wurden seitens der Galerie Kriterien formuliert. Das In Situ - also die Galerie - der White Cube, die Kommerz- und Genusszone im Ersten Bezirk oder Wien selbst, wie auch meine Befindlichkeit sind schon genug Kriterien. Die Galerie hat mir einen großen Spielraum im Umgang mit dem Text von Avanessian gewährt. Das war mir sehr recht, denn es soll keine Illustrationsausstellung werden. Das kann und will ich nicht machen. Ich kann nicht über Dinge reden, die es gar nicht gibt. Und ich kann nur mit real existierenden Künstlerinnen und Künstlern arbeiten.

Genau das hat Avanessian kritisiert: Die Zukunftsvision, die die Avantgarde und auch die Moderne geprägt hat, fehlt derzeit auf allen Ebenen in der Kunst.

Ich frage mich, ob das wirklich stimmt. Das Bild der Avantgarde, die immer den Fortschritt im Kopf hat, haben wir uns so eingeprägt. Natürlich will jeder was Neues machen, doch das Neue ist nur das Veränderte. Es ist nur das Moment der Veränderung, das unerwartet kommt. Irgendwann war es auch das glänzende, stillgelegte Artefakt – das moderne Kunstwerk.

Die Aussage würde ja auch bedeuten, dass die Funktion der Kunst die Zukunftsvision bzw. das Bedienen der Kategorie Zukunft wäre

Richtig. Im Sinne von Science Fiction und als Modell. Doch wird sie dadurch besser? In der Renaissance hat man schon versucht, etwas Neues zu machen und sich aus der Geschichte das antike Erbe als Modell hereingeholt. Dabei gilt die Regel durch die gesamte Kunst hindurch, das bereits Bewährte weiterzutragen. Nicht als Rezeption, sondern als Archetyp im Sinne der Mnemosyne Aby Warburgs. Nur, dass dabei immer etwas anderes herauskommt. Das kann man Zeitgeist oder anders nennen. Ich sage immer: der Rückwärtsbezug ist genauso wichtig, wie der Vorwärtsbezug.

Sie werden von Neil Beloufa die Installation We are safe nowzeigen?

Nur einen seiner Teile. Neil Beloufa macht Rollwände im bewusst schlechten Stil. Alles ist ein bisschen schlampig beziehungsweise sieht es nur schlampig aus. Seine Eltern stammen aus Algerien, doch er ist im vom Ästhetizismus geprägten Frankreich aufgewachsen. Es ist keine Dritte-Welt-Kunst, doch sie ist politisch, visionär und armselig zugleich. Das Visionäre wird ironisiert, der Traum des Westens als geschmacklos hingestellt. Es ist sehr schwer einen Diskurs zu führen, weil er sich meines Erachtens nach immer wieder selbst in seinem Diskurs unterbricht. Beloufa arbeitet assoziativ. In seinen Arbeiten ist viel drin: von Ironie bis Poesie. Und von Vision. Ich halte ihn für einen großen Künstler.

Mit der Installation „We are safe now“ liefert er einen Beitrag, der vor allem auf einer Reihe von sehr ausdrücklichen Empfehlungen basiert, mit denen die Gesellschaft im Alltag konfrontiert wird: „Rauchen tötet. Iss roh und leb länger. Sex ist gefährlich, benutz ein Kondom.“ Tatsächlich bezieht er sich auf den Film „The Children of Men“ …

Die Geschichte spielt in England. Es geht darum, dass keine Kinder mehr nachgeboren werden. Es ist eine ganz merkwürdige Welt, in der ganz verrückte Dinge passieren. Von der kontrollierten Ordnung und Sicherheit in eine gefährliche, arme Anarchie. Vor circa vier Jahren habe ich diese Arbeit von ihm zum ersten Mal gesehen. Sofort hatte ich das Gefühl, dass hier etwas nicht in der üblichen Kunst-Ordnung ist, dass ganz andere Gesetze in dieser Kunst-Geschichte herrschen.

Was schätzen Sie an der Arbeit von Neil Beloufa?

Wie schon gesagt, es ist eine merkwürdige Mischung: ein politisches Engagement, das jedoch nie zu durchsichtig wird, gepaart mit einer gewissen Ironisierung. Seine Arbeiten bewegen sich immer „dazwischen“.

Wie betten sich die Arbeiten von Franz West inhaltlich in Ihre Ausstellung ein?

Ich habe mir Momente herausgesucht, wo West anderes nachgeäfft hat. Denn eigentlich war er ein alter Imitator - doch immer mit Kommentar! Er war ein sehr kritischer Künstler, auch wenn er das immer wieder überspielt hat und ernste Inhalte lustig dargestellt hat. Eine Haltung, die in der Ausstellung sehr gut mit Beloufa funktionieren wird. West hätte seine Arbeiten gut gefunden und sicher sofort integriert. Da bin ich mir sicher.

Curated by_vienna soll dennoch auch als Fläche dienen, künstlerische Strategien für die Zukunft zu entwickeln. Zukunftsvisionen, die der zeitgenössischen Kunst offensichtlich zunehmend fehlen. Dabei wird auch gefragt, wie die Zukunft der Galerien aussehen kann. Wie beurteilen Sie die Situation für die kommenden Jahre? Wird das System Galerie in seiner jetzigen Form noch bestehen können?

Das weiß doch niemand! Wir können nur sagen, dass in den letzten zwanzig Jahren etwas geschehen ist: mit den 80iger Jahren kam peu à peu die Idee des White Cube. Dieser Begriff war zuvor bereits bekannt, doch verwirklicht wurde es erst in der Postmodernen Form. Mit diesen präzisen, großen Räume in New York etwa. Der White Cube brachte auch den Trend mit sich, dass alles immer größer wurde: Sowohl die Räume als auch die Bilder. Seither hat sich nach außen hin kaum etwas verändert. Es sind teilweise immer noch die gleichen Namen. Doch „im Inneren“ ist durch den Computer und das Internet viel passiert. Mindestens genauso viel wie durch den White Cube. Durch die digitalen verfügbaren Bilder haben sich sämtliche Abläufe in den Galerien verändert. Das wirft die Fragen auf, ob man irgendwann nicht mehr in eine Galerie laufen muss, weil selbst die Ausstellungen online laufen. Doch daran glaube ich nicht! Die Galerie ist und bleibt ein kommunikativer Mittelpunkt. Sie bleibt aber auch als Teil des Systems Symbol kapitalistischer Wertebildung.

Die zeitgenössische Kunst ist von einer gewissen Schizophrenie geprägt. Immer wieder wird der Eindruck vermittelt, dass es um die Kunst geht und weniger um die Wirtschaft bzw. den Handel, der scheinbar nur im Hintergrund sehr zweitrangig stattfindet. Avanessian kritisiert das in seinem Konzept.

Man kann es als skurril empfinden oder als schizophren - beides stimmt! Es ist einfach eine Widersprüchlichkeit: aber ist nicht alles irgendwie widersprüchlich? Das logische Denken führt uns hier nicht weiter, weil das Bilddenken schon immer widersprüchlich war. Eine klassische Dialektik. Aber auch sehr calvinistisch gedacht.

Avanessian behauptet, dass der heutige, spekulative Finanzmarkt durch die Kunst vorgedacht wurde. Die Kunst hat diesen Markt also indirekt generiert oder erst ermöglicht

Das sehe ich nicht so! Man kann die Kunst nicht für alles verantwortlich machen. Ansonsten bräuchte ich dann einen total erweiterten Kunstbegriff, in den ich dann wiederum ein Auto positionieren könnte, weil es ein gutes Design hat. Als wäre die Kunst so sehr im Mittelpunkt… Die Bildende Kunst ist weit hinter der Musik, der Oper und dem Theater – zumindest in Wien. Sie ist wesentlich weniger populär, selbst wenn die Kunst eine Langzeitwirkung hat.

Eine Provokation in dem Text von Avanessian war, dass er recht deutlich betont hat, dass innerhalb der Ausstellung zwar neue Strategien entwickelt werden sollen, doch anhand junger Positionen, anhand der „Digital Natives“. Das sind ja gerade mal die Anfang Zwanzigjährigen, wenn überhaupt. Da haben sie sich ja klar gegen positioniert, indem Sie keine „Digital Natives“ berücksichtigt haben.

Ob das eine Provokation war? Eher schon Mainstream! Meine Ausstellung heißt „Retro Store“. Das hat nicht nur mit meinem eigenen Alter zu tun. Daher würde ich es nicht als Gegenposition bezeichnen, sondern vielmehr ist es ein Auslassen von Technologie. Ein junger Kunstkritiker, der ständig mit der Akademie und der Angewandten im Austausch ist, kann das ja machen. Und das ist auch wichtig! In meinem Konzept sind ja auch junge KünstlerInnen. Doch man darf auch die ältere Generation nicht vergessen. Franz Wests Plakatentwürfe, Beloufas „Skulpturen“, Anne Speiers Farbkopierbilder - die sind nur im digitalen Zeitalter möglich.


 

Bis 7. November 2015, CURATED BY_VEIT LOERS, "Retro Store", Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, GALERIE ELISABETH & KLAUS THOMAN. Mit: John M Armleder, Neïl Beloufa, Carmen Brucic, FORT, Maria Grengg, Michael Kienzer, Rudolf Polanszky, Anne Speier, Franz West, Alexander Wolf