Kunst. Werte. Leidenschaft.

Von seiner New Yorker Niederlassung aus unterhielt Georges Wildenstein beste Beziehungen nach Nazi-Deutschland. Foto: © Jim.henderson/CC 

Das dunkle Kapitel der Familie Wildenstein

Skrupellose Geschäfte

Seit über einem Jahrhundert handelt die Familie Wildenstein mit Kunst. Werke von Picasso gingen durch ihre Hände, Industrielle wie Henry Ford waren Kunden. Doch die Erfolgsstory hat auch dunkle Seiten

Der gebürtige Elsässer Nathan Wildenstein (1851-1934) war ein Selfmademan. Ein Enthusiast, der sich innerhalb weniger Jahre autodidaktisch vom Antiquitätenhändler zum profunden Kunstkenner entwickelte. In den 1870er-Jahren eröffnete er in Paris eine Galerie – und wurde damit zu einem Pionier des modernen Kunsthandels. Seine Expertise war bei Sammlern gefragt. Schon 1903 expandierte er nach New York, 1925 nach London. So formte Wildenstein innerhalb weniger Jahrzehnte eines der international bedeutendsten Kunsthandelsunternehmen mit Schwerpunkt auf französische Kunst vom 18. Jahrhundert bis zur frühen Moderne. Zu seiner Kundschaft gehörten Banker wie Jules S. Bache und Industrielle wie Henry Ford, deren damalige Erwerbungen heute als Stiftungen die großen Museen der Vereinigten Staaten bereichern.

Verlust der Unschuld

Nathans Sohn Georges Wildenstein (1892-1963) baute das Geschäftsfeld weiter aus. Zum Handel mit alten Meistern gesellte sich der Verkauf von Werken des französischen Impressionismus und Symbolismus, aber auch moderner Meister wie Pablo Picasso. Zudem erweiterte Georges das Profil der privaten Sammlung des Vaters, edierte Kunstzeitschriften und erarbeitete wissenschaftliche Werkverzeichnisse etwa von Paul Gauguin. Unter seiner Ägide verlor der erfolgreiche Familienbetrieb aber auch seine Unschuld. Als Jude war er 1941 zur Emigration in die USA gezwungen. Die Pariser Galerie übernahm der frühere Mitarbeiter Roger Dequoy, der Wildenstein als Mittelsmann für lukrative Geschäfte diente – etwa mit dem Münchner Kunsthändler Karl Haberstock. So stieg er in den Handel mit Raubkunst ein, die die Nationalsozialisten den vertriebenen oder ermordeten Juden in Europa gestohlen hatten. Der Journalist Hector Feliciano hat diese dunkle Seite von Wildensteins Karriere im Werk „The Lost Museum. The Nazi Conspiracy to Steal the World’s Greatest Works of Art“ dokumentiert.

Nazi-Raubkunst und Steuerbetrug

In dritter Generation übernahm Georges Sohn Daniel (1917 – 2001) den Familienbetrieb. Er gründete in den einstigen Privat- und Galerieräumen des Großvaters in Paris das Wildenstein Institute, eine bedeutende Forschungseinrichtung an der Schnittstelle von Handel und Kunstgeschichte. Heute steht Urenkel Guy Wildenstein an der Spitze des Unternehmens. In jüngerer Zeit hat das Renommee des Hauses Wildenstein allerdings erheblichen Schaden genommen. Nicht nur die Verstrickung in die Nazi-Raubkunst-Aktivitäten, auch Ermittlungen wegen Steuerbetrugs sorgten für negative Schlagzeilen. Die 1993 geschlossene Kooperation mit der Pace Gallery beim Handel mit zeitgenössischer Kunst wurde 2010 wieder beendet.