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Modetheoretikern Barbara Vinken im Interview

Mode ist eine Tyrannin

Alle Frauen sind Kleiderfetischistinnen – sagte Sigmund Freud. Und was ist mit den Männern? Artcollector sprach mit Modetheoretikerin Barbara Vinken über Ästhetik, die neuen Dandys und einen amerikanischen Präsidenten im Rock

Die Mode ist weiblich. Heißt: Mann trägt seit der Französischen Revolution nicht länger Puderperücke und Strümpfe mit Absatzschuhen, er trägt Anzug. Das macht ihn elegant, aber unscheinbar. Das Privileg, sich in der Mode auszutoben, schöpfen indes die Frauen aus – noch. Das findet zumindest Barbara Vinken, Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Romanische Philologie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und Autorin des Buches „Angezogen“. Die modebewusste Wissenschaftlerin, Jahrgang 1960, ist eine viel beschäftigte Karrierefrau. Für ein Telefonat zum Thema Mode und Ästhetik hat sie sich dennoch Zeit genommen. Und dabei so manche Prophezeiung gewagt.


 

Artcollector: Frau Vinken, das hört sich jetzt etwas anzüglich an, aber: Was tragen Sie gerade?

Barbara Vinken: (lacht) Was ich trage? Ein Kleid von Chloé mit roten Kirschen und weißen Pailletten – Kirschenzeit, le temps des cérises!

Als Ihr Buch „Angezogen“ 2013 veröffentlicht wurde, sagten Sie, dass wir gerade in der Ära des Vintage leben – wir trügen Mode als Erinnerung. Was hat sich seitdem verändert?

Dieser Trend hat eigentlich noch zugenommen. Wenn Sie jetzt in die „Vogue“ schauen, steht dort etwa „Gürtel, Vintage, private collection“. Mittlerweile gehört es zu jeder Garderobe, dass man ausgesuchte Vintage-Stücke in seinem Kleiderschrank hat.

Ich befürchte, dass gerade die Mode der 90er wiederkommt ...

(lacht) Sie meinen Doc Martens, Holzplateaus, nackte Bäuche, gepiercter Bauchnabel, Grunge und Blahniks? Was immer wiederkommt, dreht sich in schwindelerregendem Tempo im Karussell. Also: Bloß nichts wegschmeißen!

Ist Mode eigentlich primär was für Frauen?

Man wünschte, es wäre wieder anders! Ich glaube, dass es Anzeichen dafür gibt, dass sich bei Männern das Stigma des Weibischen ins Positive verkehrt. Auf der anderen Seite hat Freud gesagt, dass alle Frauen Kleiderfetischisten seien, und da ist sicher auch etwas dran.

Kann Frau auf dem Arbeitsmarkt nur erfolgreich sein, wenn sie sich dem Mann modisch anpasst? Kann sie beispielsweise im Kleid autoritär sein?

Das meinten alle Leute, die die Modedämmerung vorausgesagt haben. Die Realität zeigt aber, dass es ganz so schlimm nicht ist. Das ästhetische Ideal der Dame hat – zumindest in den romanischen Ländern – gesiegt. In Deutschland dauert es noch ein bisschen. Es ist für uns schwerer, Weiblichkeit und Autorität oder Macht zusammenzudenken. Ich hoffe, es wird in die Richtung gehen, dass auch die Männer wieder modischer werden.

Inwiefern?

Die Moderne hat immer ein Ende der Mode vorausgesagt. Wenn die Frau emanzipiert ist – so Loos, Fuchs, Nietzsche, Simone de Beauvoir – dann werden die Frauen genauso wenig Zeit auf die Kleidung verschwenden wie die Männer. Dann haben sie Wichtigeres zu tun, etwa Institutionen gründen oder einen Amtskörper bekleiden. Das ist nicht passiert. In der Männermode gibt es, deutlicher denn je, Momente, die den Männerkörper wieder ästhetisieren, wie es in der Mode der Moderne für den Mann nicht vorgesehen war. Insofern denke ich, dass die Postmoderne siegt.

Der Modedesigner Yohji Yamamoto hat einmal gesagt, dass es schwer sei, mit Männer-Design zu spielen – es gebe eben nur Jacke, Hose, Hemd. Frau hingegen kann alles: Kleid, Rock, Hosenrock, Hose, Heels, Flats. Der Mann hingegen ist aufgrund von bürgerlichen Normen und Konventionen eingeschränkt. Ist eigentlich nur die Frau in der Mode frei?

Yamamoto hat auch gesagt, dass die Welt eine andere wäre, wenn der amerikanische Präsident im Oval Office einen Rock trüge. Ist nur die Frau in der Mode frei? Man hat immer gesagt, die Mode sei eine Tyrannin, die alle ihren Launen unterwirft, besonders die Frauen. Man kann sagen: Die Frau ist in der Mode frei – um den Preis, dass Männer Macht, Autorität und Geld unter sich verteilen. Sie ist frei um den Preis des Ausgegrenztseins.

Ich würde gern auf das Phänomen des Dandys zu sprechen kommen. Was zeichnet ihn aus?

Das Phänomen eines Mannes, der im Gegensatz zu anderen, den Amtsträgern, die Kleider als Rebellion trägt. Der Dandy macht sich ostentativ zum Kunstwerk, legt allen Wert der Welt auf seine Kleider. Die Frage ist, ob das nicht auch in der Männerwelt wieder wichtiger wird, nicht mehr nur korrekt, sondern auch raffiniert, schön, prunkvoll, bizarr angezogen zu sein. Ich hoffe, dass das wieder an Bedeutung gewinnt.

Gibt es heute noch Dandys?

Ja, die Hipsters, die Modeblogger, die Metrosexuals. Die ganzen Kollektionen von Hedi Slimane (Anm. d. Red.: setzte als Chef­ designer der Herrenkollektion bei Yves Saint Laurent mit beson­ ders schmalen Schnitten neue Maßstäbe in der Herrenmode). Es gibt in der Männermode immer stärkere Antimoden, dandyeske Trends, viel stärker als in der Frauenmode, da diese nicht so stark reguliert ist, weniger Konventionen unterliegt.

Der Dandy gilt als Narziss, der Unsummen für Mode und Lebensstil ausgibt. Ist der Begriff negativ konnotiert?

Das kommt darauf an, ob Sie die protestantisch­ethischen Werte verteidigen oder etwas für aristokratischen Ruin übrig haben (lacht). Der Dandy ist kein Mensch, der Geld anhäuft. Er ist kein guter Investor. Er muss Geld haben, um es auszugeben. Wie sagte Baudelaire so schön: Ein unbegrenzter Kredit tut es auch. Und das gilt ja für die meisten, die Mode machen: Es ist ein ziemlich ruinöser Job und keiner, bei dem man notwendig reich wird.

Sprechen wir über Beau Brummell – den Urvater der Dandys...

... der völlig verarmt im Irrenhaus starb!

... vorher aber lebenslang sogar seine Schuhsohlen polierte. Virginia Wolf sagte einmal, er sei die personifizierte „Frische und Reinlichkeit“. Er – und das gilt für den Dandy allgemein – definierte sich jedoch nicht nur über das Äußerliche, sondern auch über die Wahl der Literatur, der Worte...

... den Stil und den Egoismus.

Gibt es diese scharfzüngigen, eloquenten, gut gekleideten Männer heute noch? Oder sind sie, wenn gut angezogen, eher hohl und oberflächlich?

Was ist denn Ihre Erfahrung? So wahnsinnig häufig laufen sie mir nicht über den Weg. Wir kultivieren den Geist der Salons kaum. Es ist nichts mehr, was wir lernen, für eine Tugend halten oder als Bildung betrachten. Mit Worten zu spielen, das Scharfe, das Geistreiche, das Hintergründige, das Amüsante – das steht in unserer Kultur nicht mehr im Mittelpunkt. Aber in München geht es noch – in der Bar Schumann’s etwa gibt es noch gute Aussichten. Aber natürlich muss das mit Witz gepaart sein. Beim Dandy gehen die Sprache und die Kleider zusammen.

Der Dandy ist ein Mann der Großstadt. Gibt es ihn auch im Kaff? 

Kaff?

Ja, genau!

So wie Worpswede?

Zum Beispiel. Gibt es in der Provinz ein Modegefühl? Oder ist Mode ein urbanes Phänomen?

Im Prinzip schon. Allerdings träumt die Stadt immer vom Land; und streift Dirndl und Lederhose über, setzt sich an offene Ka­mine und Hirschgeweihe. Dieses Land ist eine Fatamorgana der Großstadt; die Stadt erschafft sich damit einen Gegenraum.

Das Dirndl gibt es ja auch auf dem Laufsteg ...

Absolut – denken Sie an Lena Hoschek oder Susanne Bisovsky. Karl Lagerfeld hat für Chanel eine Salzburg-Kollektion gemacht. Das Dirndl hat den Laufsteg sicher erobert.

Die Pre-Fall-Kollektion von Chanel im Dezember 2014 wurde im Salzburger Schloss Leopoldskron gezeigt, und zwar von den It-Models der Großstadt: dem Kardashian-Sprössling Kendall Jenner und dem britischen Supermodel Cara Delevigne...

Weltmädchen in Landkleidern. Eine großstädtische Fantasie.

Und wie sieht es mit Mode im Museum aus? Im Victoria & Albert Museum zog die Ausstellung „Alexander McQueen. Savage Beauty“ über 345 000 Besucher an, so viele wie mit keiner anderen Schau der letzten zehn Jahre. Lagerfeld, Gaultier, Armani, Marc Jacobs tun es gleich.

Man sagt, dass Mode erst entsteht, wenn Kleid auf Körper trifft. Insofern ist sie etwas zutiefst Unmuseales. Aber es gibt natürlich Modemacher, die speziell auf das Museum gewirkt haben, am eindrucksvollsten sicher Martin Margiela, der Performances mit sich selbst zersetzenden Kleidern entwarf, die en passant eine antike Statue stellten. Ich finde, dass die Lagerfeld-Show in Bonn sehr gelungen war. Die Margiela-Ausstellung in München war sagenhaft, Alaia im Palais Galliera ein Fest! Also, ja, mittlerweile klappt es im Museum sehr gut.

Und was passiert, wenn andersherum die Kompetenzbereiche übertreten werden? Marina Abramovic mischt jetzt als Creative Director bei Givenchy mit, Takashi Murakami designt für Vans. Woher kommt die sich steigernde Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Modelabels?

Es gab eigentlich schon immer ein Crossover zwischen Kunst und Mode. Spätestens seit dem Surrealismus. Ich halte das für absolut sinnvoll. Und für ein ästhetisches Plus. Mode als Performance und Abramovic, das hört sich ideal an.

Fashiondesigner speisen ihre Ideen oft und gerne aus der Kunst. Was ist gerade angesagt?

Generell kommt wieder Dynamik ins Spiel. Verdrehungen, Überspitzungen europäischer Mode. Denken Sie an die Modekunst Yinka Shonibares etwa auf der Biennale in Venedig vor zwei Jahren: In seiner Installation sah man holländische Stoffmuster, die nun als Inbegriffe der afrikanischen Batikmuster gelten, kombiniert mit Reifrock, Bundhosen, Perücken. Praktisch eine komische Kreuzung aus Colonial, Aristokratie und 18. Jahrhundert. Very dandyesk!

Aus der „Luxury Goods Worldwide Market“-Studie geht hervor, dass der Umsatz des Luxusmarkts 2011 bei 191 Milliarden Euro lag, 2014 waren es 850 Milliarden. Eine Chanel-Jacke aus der Salzburg-Kollektion, die ich in Zürich gesehen habe, kostet um die 25 000 Euro. Finden Sie die Preise gerechtfertigt?

Das Phänomen der hochpreisigen Luxury Goods liegt daran, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Die Reichen sind zum großen Teil neureich und müssen sich an irgendwelchen Werten festhalten, weil sie das Urteilsvermögen erst erlernen müssen. Dann sind große Designernamen, ähnlich wie bei Kunstwerken, ein Zeichen dafür, dass etwas ästhetisch wertvoll ist. Das ist keine gute Entwicklung.