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Reisetipp Nizza

Nonchalant überwintern

Nizza ist zwar nur die fünftgrößte Stadt Frankreichs, aber in Sachen Kunst ganz vorne mit dabei. Und nie versprüht sie mehr Charme als in den Wintermonaten, wenn die tief stehende Sonne die Bucht in ein sanftes, goldenes Licht taucht

Nizza ist elegant und mondän. In der Altstadt kann man sich zwischen mediterran bunten Häusern wunderbar verlaufen. Aber die Stadt kann auch anders: morbide, alternativ, kreativ - und ganz schön arty. Als echter Geheimtipp gilt, nicht im Sommer hinzufahren, sondern nonchalant in Nizza zu überwintern. Das war zuletzt im ausgehenden 18. Jahrhundert en vogue, als der schottische Schriftsteller Tobias Smollett einen enthusiastischen Bericht über die Stadt veröffentlichte, nachdem er sie mit seiner Frau im Winter bereist hatte. Von da an verwandelte sich Nizza in den Wintermonaten in einen großen Zirkus des Sehens und Gesehen-Werdens. Alle waren sie da: englische Grafen und russische Prinzen, höhere Töchter aus Paris und neureiche Familien aus Amerika. Heute hat man, glücklicherweise, im Winter wieder seine Ruhe. Die Stadt ist leer, die Luft ist mild – beste Bedingungen, um sich haltlos in Nizza zu verlieben.

Farbenpracht
Es gibt am Morgen keinen schöneren Ort in der Stadt als den Cours Saleya, den idyllischen Marktplatz in der Altstadt. Im Palais Caïs de Pierlas an seiner östlichen Stirnseite logierte der Maler Henri Matisse für einige Jahre. Während des Blumenmarkts am Sonntagvormittag kann man – bei Kaffee und Brioche im „Le coin quotidien“, 3 rue Louis Gassin – mit eigenen Augen sehen, was Matisse einst inspirierte. Anschließend die verschwiegenen Gassen der Altstadt entdecken. Das traditionsreiche Maison Auer führt Süßwaren, bei A l’Olivier nebenan gibt es das beste Olivenöl der Stadt (7 rue Saint- François de Paule).

Blau wie das Meer
Nizza verfügt nach Paris über die höchste Dichte an Kunstmuseen und Galerien. Die Stadt ist stolz auf ihre Künstler, zu denen neben Matisse auch Marc Chagall und der 1928 in Nizza geborene Yves Klein zählen. Das Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain, kurz MAMAC, kann eine beachtliche Sammlung des französischen Nouveau Réalisme der 1960er-Jahre vorweisen, darunter über 20 Werke von Klein. Seinem blau-goldenen Universum ist ein eigener Saal gewidmet. Wer eine Kunst-Pause braucht, begibt sich aufs Dach des Museums. Den Blick über die Altstadt hinaus aufs Meer schweifen lassen und sich wie Cary Grant und Grace Kelly in „Über den Dächern von Nizza“ fühlen.

Flaniermeile
Ein Spaziergang an der Strandpromenade: unvergesslich im sanft-goldenen Licht der Nachmittagssonne. Die meisten der prunkvollen Gebäude stammen aus der Belle Époque, so etwa das 1912 erbaute Hotel Negresco (Nr. 37) mit seiner von Gustave Eiffel entworfenen Kuppel. Architekturliebhaber achten auf die Art-déco-Fassaden, die in den 1920er-Jahren den Aufbruch in die Moderne ankündigten (Nr. 5, 13, 45-47, 49). Einige Schritte von der weitläufigen Place Masséna entfernt liegt versteckt in einem Hinterhof das elegante Restaurant La Maison de Marie (5 rue Masséna), in dem sich bei Kerzenschein und exquisiter mediterraner Küche der Tag ausklingen lässt. Auch bei Einheimischen beliebt – unbedingt reservieren!

Underground-Charme
Nizza hat nicht nur Glamour, sondern auch eine alternative Kunstszene. Das Kunstareal La Station (89 route de Turin) ist in einer ehemaligen Kühlhalle untergebracht. Mit Ateliers, wechselnden Ausstellungen, Performances und Konzerten hat sich dort ein experimentelles Zentrum für zeitgenössische Kunst etabliert – Industrie-Chic inklusive. In der Villa Arson (20 avenue Stephen Liégeard), die neben einer Kunsthochschule auch ein Zentrum für zeitgenössische Kunst beherbergt, gibt es ebenfalls junge Kunst zu sehen. Das Le Volume (6 rue Defly) hat sich mit Livekonzerten und Kunstausstellungen den Charme eines Underground-Clubs bewahrt.

Kunstvolle Räume
Zwar ohne Meerblick, dafür aber mit wildem mediterranen Garten liegt das Hotel Windsor (11 Rue Dalpozzo) nur einige Minuten zu Fuß von der Strandpromenade entfernt. Seine Zimmer sind von Künstlern gestaltet. Der in knalligem Orange und mit Comic-Schrift gestaltete Raum des in Nizza lebenden Fluxus-Anhängers Ben Vautier (Nr. 65) ist eher Geschmackssache. In minimalistischem Schwarzweiß präsentiert sich das Zimmer des US-amerikanischen Künstlers Lawrence Weiner (Nr. 37). Besser als Schäfchen zählen: Die blauen Puzzlestücke des französischen Malers Claude Rutault (im Zimmer Nr. 82) gedanklich wieder zusammenzusetzen.