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Cy Twomblys 'Untitled' wird Sotheby's am 11. November in New York versteigern. © Sotheby's 

Twombly-Auktion bei Sotheby's

Neuer Rekord möglich

Am 11. November wird Sotheby’s ein Kreidebild von Cy Twombly versteigern. Schätzpreis: Jenseits der 60 Millionen Dollar. Es könnte das teuerste je auktionierte Bild des vor vier Jahren verstorbenen Künstlers werden. Grund genug, sich Twombly im Marktcheck vorzuknüpfen

Cy Twombly, 1928 in Lexington/Virginia geboren, begann seine künstlerische Laufbahn kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Umfeld des Abstrakten Expressionismus entwickelte er rasch eine gänzlich eigenständige Variante gestischer Malerei. Während sich Künstler wie Franz Kline oder Robert Motherwell in ihrer malerischen Praxis vor allem mit der motorischen Umsetzung psychischer Energien beschäftigten, konzentrierte sich Twombly von Anfang an auf den ereignis- und zeichenhaften Charakter von Linie und Bewegung.

Unverständnis und Ablehnung

Twomblys sperriger Mix aus gestisch gesetztem Liniengeflecht, graffitiartigen Kritzeleien, fleckigen Farbspritzern und Zitaten aus Kunstgeschichte und Hochkultur war grundsätzlich radikaler konzipiert als die deutlich harmonischer gestrickten Werke der New York School. Kein Wunder also, dass man seinem Schaffen in den USA zunächst eher reserviert und meist mit Unverständnis und Ablehnung begegnete. 1957 zog Twombly daraus eine ebenso radikale, wie folgenreiche Konsequenz. Er „emigrierte“ nach Rom, gleichsam mitten ins Herz der abendländischen Kultur. Das kulturelle Erbe der europäischen Kunstgeschichte spielt eine entscheidende Rolle in Twomblys Werk. Mit Zitathast wird es in die skripturalen oder gestisch-expressiven Kompositionen integriert. Einzelne plakativ auf den Bildträger gekritzelte Worte, Roma etwa, Apollo oder Vergil, evozieren die Präsenz der Kultur der Antike oder der Renaissance und wahren doch gleichzeitig ironische Distanz. Neben Malerei, Zeichnung und Grafik umfasst das Werk Cy Twomblys auch etliche aus abstrakt-konstruktiven beziehungsweis vegetativen Formen entwickelte skulpturale Arbeiten und Fotografie. Auch im Foto wahrt der Amerikaner von Rom eine eigenwillige Distanz zum gewählten Motiv. Die wirkliche Welt, das Fotografierte, entmaterialisiert sich in ähnlicher Weise wie Linie und Farbe in der gestisch-skripturalen Komposition.

Große Bedeutung am Sekundärmarkt

Die Bedeutung Twomblys, der 2011 in Rom starb, spiegelt sich auch am Secondary Market wieder: Twombly war ein stabiler Marktteilnehmer. 2013 wurden insgesamt 69 Lose verkauft, die gemeinsam einen Umsatz von rund 50 Millionen Euro erzielten. 2014 wurden 63 Lose für insgesamt 97,3 Millionen Euro verkauft. Dabei liegt seine Käuferschaft hauptsächlich in dem Land, in dem Twombly einst keinen Fuß fassen konnte: 70 Prozent der Käufer stammen aus Amerika. Christie’s New York versteigerte am 12. November 2014 ein in grau gehaltene Gemälde aus der Blackboard-Serie („Untitled“, 1970, Mischtechnik, 155,5 x 190 cm und „Untitled“, 1967, Öl/Papier, 52,7 x 67,1 cm) und erzielte eine Millionensumme erzielen: 49,9 Millionen Euro. Dieser Rekord könnte nun, fast genau ein Jahr später, gebrochen werden: Sotheby’s erhofft sich am 11. November für das Kreidewerk – das aus der gleichen Reihe stammt wie der Christie’s-Rekordbrecher – über 53 Millionen Euro. Das jetzt zum Verkauf stehende Werk ist noch größer, es misst 172 x 228 cm.

Arbeiten der 50er und 60er-Jahre sind eine sichere Nummer

Die Eigentümerin plant, 30 Millionen Dollar des möglichen Erlöses an eine Synagoge und ein Zentrum für soziale Gleichheit in Los Angeles zu spenden. Ob sie wirklich die erhofften 60 Millionen Dollar erhält, ist noch natürlich nicht absehbar. Allerdings sind Twomblys Arbeiten der späten 50er und 60er-Jahre für Käufer eine sichere – aber ungemein teure – Nummer. Weniger bekannt sind seine Fotografien: Sie sind bereits im drei- oder vierstelligen Betrag erhältlich. Dass sie neben den großformatigen zarten Gemälden mehr Beachtung erfahren, zeigte 2011 die Ausstellung „Cy Twombly. Photographien 1951-2010“ im Münchner Museum Brandhorst. Blumenstilleben, Landschaften und Atelieraufnahmen zeigten dort, welches Licht und welche Atmosphäre Twombly im Medium Fotografie bevorzugte. Michael Krüger, Verleger des Hanser Verlags sagte einst über Twomblys Fotografien, dass sie aussehen „wie ein mit Gelassenheit und Seelenruhe sehr leise vorgetragenes Veto gegen die rasch wechselnden Träume von einer besseren, harmonischeren Welt, die unter diesen Träumen schon längst zusammengebrochen ist.“


 

Auktionsrekorde

EUR 49.872.800 "Untitled", 1970, Gemälde, Mixed Media, Christie's, New York, 12.11.2014
EUR 33.918.800 "Untitled", 1969, Gemälde, Mixed Media, Christie's, New York, 13.05.2015
EUR 23.556.750 "Untitled", 1970, Gemälde, Mixed Media, Christie's, London, 11.02.2015
EUR 14.319.360 "Poems to the Sea", 1959, Gemälde, Glanzfarbe, Sotheby’s, New York, 13.11.2013
EUR 12.993.480 "Untitled (Rome)", 1964, Gemälde, Öl, Sotheby’s, London, 12.02.2014


Update: Das unbetitelte Blackboard ("Untitled") von 1968 wurde am Mittwoch, den 12. November in New York bei Sotheby's für 70,5 Millionen Dollar (rund 65 Millionen Euro) versteigert.

 

Quellen: Helmut Kronthaler, „Künstler im Marktcheck“ in Artinvestor 06/2005 ; www.artprice.com