Kunst. Werte. Leidenschaft.

Diese Ente von Wolfgang Flatz fristet in Unterhaching ein jämmerliches Dasein. Foto: Isa Lim 

Kunst im Kaff

So ein Quak!

Am Rand der großen Zentren und selbst mitten in der Pampa soll Kunst am Bau bitte zeitgenössisch und namhaft sein. Man ist ja nicht von gestern. Oder etwa doch? Sobald die Lokalprominenz wieder abgerückt und der Künstler weitergezogen ist, ist die teure Wahl dem Verfall verschrieben

Als besonders kunstbeflissen wird man Unterhaching am südlichen Stadtrand von München wohl kaum bezeichnen können. Kreative, zum Teil von Rang und Namen, haben hier dennoch ihre Spuren hinterlassen: Am Rathausplatz steht ein in abstrakt-moderner Formensprache gehaltener „Partnerschaftsbrunnen“ mit den eingravierten Wappen von Unterhachings europäischen Partnergemeinden. Und dann gibt’s da noch ein Kriegerdenkmal von 1925, die Gruppe „Die Lesenden“ vor der Gemeindebücherei, die expressiv-symbolische Bronze „Hachinger Bach“ und einen echten Flatz. „Die Ente und das Tor“ heißt die im Jahr 1997 in einem Einkaufszentrum errichtete zweiteilige Skulptur-Installation des österreichischen Aktionskünstlers Wolfgang Flatz. Das Enfant terrible der Münchner Kunstszene, das seit Jahrzehnten mit mehr oder minder provokativen Auftritten und autoaggressiven Performances Schlagzeilen macht, gibt sich hier erstaunlich zahm. Ein Tor aus bunten Bauklötzchen und eine in einem roten Bassin schwimmende quietschgelbe Badewannenente stehen in einem Innenhof inmitten eines Laden-und Bürokomplexes. Natürlich im monumentalen Format. Das als „Kunst am Bau“-Projekt von dem Rückversicherer Munich Re finanzierte Ensemble ist geradezu exemplarisch für ein kulturpolitisches Phänomen unserer Zeit: Nicht nur in Großstädten wird heute der öffentliche Raum allenthalben mit zeitgenössischer Kunst möbliert.

Waren es in den kleineren Orten bis vor wenigen Jahren fast ausschließlich Künstler mit lokalen Wurzeln und obligatorischer Mitgliedschaft im Berufsverband Bildender Künstler (BBK), die ihre Heimat im Rahmen von öffentlichen Ausschreibungen und Wettbewerben mit „Narrenbrunnen“, Mahnmalen oder dekorativen Wandgestaltungen verschönern durften, so strebt man jetzt auch in der Provinz nach Innovation und großen Namen. Nicht selten aber stoßen die von „Experten“ und Baukommissionen ausgeklügelten Projekte auf Ablehnung gerade jener Bürger, die diese Kunst vor Ort Tag für Tag vor Augen und zu ertragen haben. Denn wenn die Eröffnungsfeierlichkeiten mit großzügigem Bauherrn, genialem Künstler, lokaler Prominenz, beredtem Kunstvermittler und begleitet von begeisterten Feuilletonberichten einmal vorüber sind, kehrt rasch der banale Alltag ein. Und da stehen sie dann, die bunten Bauklötzchen und das Quietscheentchen, von ihren Schöpfern alleingelassen, schutzlos Unverständnis und Missachtung der Anwohner, vielleicht gar dem Vandalismus Betrunkener oder gelangweilter Jugendlicher ausgeliefert. Am schlimmsten wütet freilich der Zahn der Zeit. So auch in Unterhaching. Die farbenfrohe Oberfläche der ironisch inszenierten Flatz’schen Spielzeugwelt droht längst unter einer Patina aus Schmutz und Rissen zu verschwinden.