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Foto: James Bridle 

Netz-Künstler James Bridle

Netzwerkstrukturen

James Bridle ist Künstler, Autor, Überwachungskritiker. Er denkt laut über das nach, wovor die Politik oft die Augen verschließt – und hält damit auch die Kunstwelt in Atem

Der Brite James Bridle wagt sich an Themen, die so brandaktuell wie komplex sind: neueste Technologien, Überwachungssysteme und hybride Kriegsführung. Sein als Progammierer erworbenes Wissen bringt er in seine Arbeit als Künstler ein. Bridle macht keine Nerd-Kunst, sondern entwickelt prägnante, oft intuitiv zugängliche Bilder und Erzählungen. Die Serie „Fraunhofer Lines“ ist derzeit im Witte de With Rotterdam zu sehen (bis 3. Januar 2016).


Artcollector: In Ihrer Kunst beschäftigen Sie sich häufig mit Netzwerken. Was fasziniert Sie daran?

James Bridle: Viele der neuesten Technologien basieren auf Netzwerkstrukturen. Wenn man sich damit befasst, versteht man, wie diese Technologien funktionieren – die in E-Books ebenso zum Einsatz kommen wie in unbemannten Flugobjekten, also Drohnen, die zur Kriegsführung genutzt werden.

Kunst hilft dabei, Drohnen zu verstehen?

Als Künstler versuche ich, Metaphern für diese Technologien zu finden. Für mich sind Drohnen mehr als nur eine Waffe. Sie sind Netzwerkobjekte. Sie funktionieren in vielerlei Hinsicht ähnlich wie das Internet: Sie erlauben es, Dinge über große Distanzen hinweg zu sehen und darauf Einfluss zu nehmen, und sie bleiben dabei größtenteils unsichtbar. Diese Unsichtbarkeit ist nicht nur physischer, sondern auch politischer Natur: Der Einsatz von Drohnen geht unbemerkter vonstatten als der von Bodentruppen. Ihre Unsichtbarkeit hält uns nicht nur davon ab, Drohnen zu verstehen. Sondern auch davon, sie zu kritisieren.

Wie erhalten Sie Zugang zu den Informationen?

Ich verbringe viel Zeit damit, von Regierungen und anderen politischen Organen die Herausgabe von Dokumenten zu fordern. Ich berufe mich auf die Informationsfreiheit. Die Dokumente enthalten oft viele geschwärzte Stellen. Für meine Serie „Fraunhofer Lines“ habe ich eine Software geschrieben, die diese Stellen in Muster anordnet und analysiert. Die Muster habe ich auf farbigen Diagrammen angeordnet. Sie basieren auf dem Lichtspektrum, das Joseph von Fraunhofer 1814 entdeckte. Indem Sie nur diese Muster auf farbigem Hintergrund zeigen, enthalten Sie dem Betrachter den Inhalt der Dokumente vor. Diese Dokumente sind für jeden verfügbar, der sich dafür interessiert. Ich hatte keinen privilegierten Zugang zu ihnen. Genau das interessiert mich: Warum beschäftigen sich nicht mehr Leute damit? Meine Antwort: Transparenz alleine reicht nicht. Es gibt ja diese Überzeugung, dass sich alles zum Positiven ver- ändert, wenn wir nur genügend Informationen bereitstellen. Mit diesem Argument lässt sich übrigens auch staatliche Überwachung rechtfertigen.

Sie sind skeptisch gegenüber Kollektiven wie Wikileaks?

Wikileaks war richtig und notwendig. Der erste Schritt dazu, Machtverhältnisse auszugleichen. Aber ich glaube nicht, dass das ausreicht, um auf politische Prozesse langfristig Einfluss zu nehmen, sie zu verändern. Wir müssen aufhören, in Gegensätzen zu denken: gut oder böse, transparent oder undurchsichtig. Es geht darum, neue Arten und Wege zu finden, über die Welt nachzudenken. Genau das versuche ich mit meinen Arbeiten. Sie sind Ausdruck meiner Suche nach Erkenntnis.