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Sammlung Schack in München

Guter Graf

Im München des 19. Jahrhunderts fördert er die Jungen. Damals heißen sie Lenbach, Böcklin oder Feuerbach. Adolf Friedrich Graf von Schack hat ihr Talent als Erster erkannt

Adolf Friedrich Graf von Schack war Schriftsteller, Weltreisender, Orientalist. Außerdem: ein begnadeter Kunstsammler. 1881 notiert er in seinem Buch „Meine Gemäldesammlung“: „Immer habe ich es für eine ganz falsche Ansicht gehalten, dass eine Gemäldesammlung eine Art von Encyklopädie der Kunst sein müsse.“ Er ist zu diesem Zeitpunkt 66 Jahre alt und besitzt bereits zahlreiche heute wichtige Gemälde. Dabei entdeckte der Mäzen, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts so viele Werke um sich hat, „dass meine Wohnräume nicht mehr zu deren Aufbewahrung ausreichten“, seine Liebe zur Kunst erst spät.

Mitverantwortlich dafür ist Maximilian II., Jahrgang 1811. Der Kultur- und Wissenschaftsförderer übernimmt im März 1848 die Regierungsgeschäfte von seinem Vater. Zu diesem Zeitpunkt kennen Schack und der König sich noch nicht. Doch das soll sich ändern: Schack, der 1815 in Schwerin als Sohn eines Juristen und Gutsbesitzers geboren wird, soll später ein wichtiges Mitglied im Kulturzirkel des Königs werden. Zunächst aber studiert er Jura und Sprachen in Halle, Bonn, Heidelberg, Berlin und beginnt Persisch, Sanskrit und Arabisch zu lernen. 1838 tritt er in den preußischen Staatsdienst ein, zieht allerdings Reisen nach Italien, Griechenland, Palästina, Ägypten und Spanien dem Dienst vor.

So kommt, was kommen muss: Der ungestüme Denker und Entdecker verabschiedet sich 1851 aus dem Staatsdienst, um sich ganz den Studien widmen zu können. Währenddessen: Maximilian ist damit beschäftigt, München in ein Zentrum der Hochkultur zu verwandeln. Die Neue Pinakothek wird am 25. Oktober 1853 für das Publikum geöffnet, es ist das erste zur dauerhaften Präsentation von Gemälden zeitgenössischer Kunst erbaute Museum weltweit. Der König lädt Schack ein Jahr später ins florierende München ein und ernennt den Universalgelehrten zum Mitglied des Bayerischen Maximiliansordens für Wissenschaft und Kunst.

Was Kunst betrifft ist Schack Autodidakt

1856 lässt sich Schack in einem Palais in der Brienner Straße in München nieder und beginnt Kunst zu sammeln, für die er später eine öffentlich zugängliche Galerie im Vorgarten errichten lässt. Sein Konzept: Er richtet sein Augenmerk auf junge Talente, sammelt vorwiegend deutsche Maler. Viel wichtiger als die Nationalität ist dabei aber die persönliche Bindung. Schack fördert nur eine erlesene Auswahl. „Ich hatte dabei bestimmte Grundsätze festgestellt, von denen ich nicht abwich. Der erste war, dass ich nur Werke neuerer, und vorzugsweise lebender Maler kaufte; denn ich wollte nicht bloß einer Liebhaberei fröhnen, sondern wünschte auch, soviel in meinen Kräften stand, die Kunst selbst zu fördern.“

Schack ist – was Kunst betrifft – ein Autodidakt. Seine Liebe zu Historien, Mythen und heroischen Landschaften verleiten ihn trotzdem zu genauen Vorstellungen davon, was die Künstler ihm liefern sollen. Denn anders als es heute oft der Fall ist, kauft Schack fast ausschließlich Auftragsarbeiten. Und wird der wichtigste Förderer Arnold Böcklins. „Ich lernte ihn schon 1859 in München kennen und behielt ihn und sein Wirken seitdem beständig im Auge, um die besten seiner Arbeiten mir nicht entgehen zu lassen.“

Schack erkennt Böcklins Talent früh, 1864 folgt er ihm bis ins geliebte Rom, wo der Maler sich ein Atelier mit Louis von Hagn und Franz Lenbach teilt. Böcklin malt für ihn die berühmte „Villa am Meer“, nachdem der Sammler sich in Rom in die Skizze verguckt hatte. Doch Schack hat ein Problem: „Als es in München anlangte, bemerkte ich, dass die Farben sich nicht gehörig mit der Leinwand verbunden hatten.“ Böcklin hatte die Ölfarbe mit Wachs überzogen, wollte neue Techniken ausprobieren. Für Schack keine Option. Er fordert ein neues Bild in der gewohnten Öltechnik. Letztlich hingen beide als Gegenstücke in seiner Galerie. Bis heute können Besucher des Museums selbst entscheiden, welche Version besser gelungen ist.

Echte Freunde und anstrengende Zeitgenossen

Als die „größten Schätze meiner Sammlung“ preist Schack aber Kopien von Meisterwerken des 16. und 17. Jahrhunderts. Er gibt sie bei Franz von Lenbach in Auftrag, der sich mit Giorgione, Tizian, Tintoretto und Veronese misst. 1869 kauft er 25 Werke von Moritz von Schwind, und die beiden werden echte Freunde. Nach Schwinds Tod 1871 ist Schack deshalb ernsthaft betroffen, nennt den verlorenen Gefährten einen „gemütsvollen und humorreichen Meister“.

Weniger freundschaftlich ist die Beziehung zu Anselm Feuerbach oder Hans von Marées. Dass Feuerbach kein einfacher Zeitgenosse war, ist nicht unbekannt – aber auch Schack sitzt fest auf seinem hohen Ross. Er notiert: „Bei einer Madonna musste ich die Erfahrung machen, wie Künstler sich oft im Urteil über ihre eigenen Werke irren.“ Sammler und Künstler konnten sich in diesem Fall nicht einig werden. Ende der 1860er-Jahre kommt es zum endgültigen Bruch. Und trotzdem zählt Schack Feuerbachs „Laura in der Kirche zu Avignon“ zu seinen wertvollsten Werken.

1874 legt er fest, dass die Gemäldesammlung nach seinem Tod in das Eigentum des Kaisers übergehen solle, jedoch weiterhin zugänglich für die Münchner Öffentlichkeit. Der Dichter, Übersetzer, Gelehrte und Kunstsammler Schack stirbt 1894, mittlerweile mit Grafentitel, in Rom im Alter von 82 Jahren. Kaiser Wilhelm II. entschließt sich dazu, der Sammlung nach den Plänen von Adolf von Hildebrand, Ernst von Ihne und Max Littmann am 18. September 1909 ein neues Gebäude an der Münchner Prinzregentenstraße zu errichten. Noch heute beweist es an gleicher Stelle, wie gut des Grafen Gespür für Kunst war. Schack, dessen 200. Geburtstag am 2. August begangen wurde, muss ein ganz besonderer Schlag von Sammler gewesen sein – einer, wie man ihn heute nur noch selten antrifft.