Kunst. Werte. Leidenschaft.

Dossier

Kunst als Visitenkarte

Unternehmenssammlungen wirken bisweilen austauschbar und aufgesetzt. Kein Wunder, was heute auf den Markt geworfen wird, entstammt zum Großteil einer gleichgeschalteten Maschinerie. Was tatsächlich kostbare Kunst ist, findet nur heraus, wer nach Inhalten sucht, statt nach Oberflächen.

Kunst kann mehr sein als ein Tisch oder ein Stuhl. Sie kann Räume nicht nur einrichten, sie kann sie beseelen. Banken setzen Kunstwerke gern ein, um den kühlen Rechenräumen positivere Werte einzuhauchen – und dem Unternehmen ein besseres Image zu verpassen. Denn Kunst ist nicht einfach nur schön, sie steht für Kreativität, Gedankenfreiheit, Seelenweite. Für Werte und Gefühle. Gute Kunst fördert und fordert die Empfindsamkeit des Menschen, sie hilft – mit Schiller gesprochen – das Schöne und Gute zu erkennen und bewahrt uns davor, zu verrohen. Oder moderner ausgedrückt: Kunst ist cool. Sie besitzt eine Aura. Bisweilen berührt sie uns tief oder massiert uns geradezu innerlich. Deshalb kann es sein, dass wir den Bankbesuch so schnell nicht vergessen werden.

Aber Skulpturen und Gemälde müssen nicht nur zur Aufwertung karger Baumasse oder schlechten Rufs eingesetzt werden. Auch ein historisches Gebäude kann den Impuls dazu geben, es mit Kunstwerken auszustatten. So erinnert sich Peter Haller, Geschäftsführer der weltweit tätigen Werbeagentur Serviceplan: „Unsere Sammlung entstand aus Respekt vor dem Dramatiker Frank Wedekind, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Räumen unseres ehemaligen Agenturhauses in München gut zwei Jahrzehnte mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern gelebt hatte.” Als der Agenturgründer und sein damaliger Partner zum ersten Mal die ehrwürdigen, über vier Meter hohen Räume in der Prinzregentenstraße sahen, wussten sie sofort, dass dort nicht Werbung, sondern Kunstwerke hängen sollten.

Heute hat die Unternehmensgruppe Serviceplan ihren Sitz in einem modernen Bau in der Briennerstraße. Das sogenannte Wedekind-Haus ist Geschichte, die Sammlung in Kunstkreisen inzwischen ein Place to see. Fördervereine von Museen besuchen sie (auf Anfrage), etwa jene des „Haus der Kunst“ oder der „Pinakothek der Moderne“. Außerdem Mitglieder des American Chamber und des Deutsch-Schweizerischen Clubs. Alles potenzielle Kunden, gibt die Pressesprecherin offen zu verstehen.

Die Mitarbeiter reagieren indes unterschiedlich, sagt Haller. „Die einen interessieren sich dafür, die anderen nehmen die Kunstwerke für gegeben und als Teil des Erscheinungsbilds unserer Agenturgruppe wahr. Aber das ist verständlich und auch gut so.“

Der 78-Jährige, in dessen Büro drei Gemälde hängen, ein Kiefer, ein Poliakoff und ein Nay, ist inzwischen eine Autorität in Kunst- und Kulturfragen. Oder wie seine Mitarbeiter sagen, „ein wandelndes Lexikon“. Er kennt die Biografien vieler Künstler bis ins kuriose Detail. Und er hält vor den Besuchergruppen die Vorträge immer selbst. Ein Kunstsammler für’s Etikett ist der Schweizer nicht. Über seinen Kiefer kann er genauso ausschweifend referieren wie über die Ballettoper „Die galanten Inder“, die er zuletzt gesehen hat. Man merkt, dieser Mann findet Gefallen an schöngeistigen Dingen. Er ist kein Blender, kein Werbefuzzi. Er besitzt ein Gespür für Ästhetik und über 40 Jahre Erfahrung mit abstrakten Bilden. Die müssen für ihn nämlich „einen Farbklang darstellen“, um gut zu sein. Und genau darin liegt der Unterschied zwischen Hallers Werken und einigen aalglatten Arbeiten aus der Kunstproduktion von heute. Die musikalische Tiefe und die Biografie des Malers müssen laut Haller im Einklang schwingen.

Small ist der Talk

Heute ist viel ungegenständliche Kunst im Umlauf – ohne Bedeutung, bar jeglicher ästhetischer Ausgereiftheit oder Aussage. Schnelle Ware für die schnelle Liebe. Für den Knalleffekt. Oder Schönheitsschlaf. Etliches davon wird der Nachwelt egal sein. Spurlos vergehen. Wie die flüchtige Liebe vergeht, wenn sie bedeutungslos war und nur etwas für den schnellen Kick.

„Zu viel Ikea-Kunst“, schimpft Chris Dercon, Leiter der Tate Modern in London. Er wird 2017 an die Berliner Volksbühne wechseln. Das Museum gegen das Theater eintauschen. Man könnte annehmen: Der Ausstellungsmacher glaubt nicht mehr an die Qualität und Wirkungsmacht der Kunst von heute. Ist das Meiste, das uns auf Kunstmessen umgibt, tatsächlich austauschbar, langweilig und „Wiederholung der Wiederholung“?, so lauteten zumindest Dercons Worte ein paar Monate vor der Ankündigung seines Rücktritts. Oder anders gefragt: Ist ein Kunstwerk unserer Tage nur noch seine (effekthaschende) Oberfläche? Seichte Abstraktion, reine Deko?

Unternehmenssammlungen sind oft dem Vorwurf des Dekorativen und Gefälligen ausgesetzt, so liest man auch im Vorwort des 2012 veröffentlichten Bandes „Corporate Collections“, der deutsche Unternehmen und ihre Kunst vorstellt – von ADAC bis Villeroy und Boch. Manches davon wirkt tatsächlich zweitklassig. Es wird den Firmen aber auch nicht gerade leicht gemacht. Wer schon mal eine Messe besucht hat, weiß um die Schwierigkeiten während der Suche nach etwas Besonderem: Kunst tritt in Messekojen als eingekeilte Ware in Erscheinung. Und, wenn man genauer hinsieht, manchmal auch als Serienprodukt. Hier die rote Leinwand mit drei Schlitzen, dort die blaue mit vier. Die Schlitze verraten die Marke (Lucio Fontana) wie eine einprägsame Flaschenform einen Shampoo-Hersteller. Mit einem Museum und seinem Bildungskonzept oder einem Salon und hitzigen Streitgesprächen haben Messen nichts gemeinsam. Für Kunstvermittlung und Diskurs ist in den Kojen kaum Platz. Small ist der Talk, hoch sind die Preise. Kunst ist etwas für die Wand, nicht für den Verstand. So fließen auf Messen der Champagner und das große Geld (man bekommt auf der Art Basel kaum etwas unter 10 000 Euro), aber wenig geistreiche Gespräche. Und so stolziert eine Elite, die nach Luxus sucht, letztlich durch ein Luftschloss, das in Wahrheit einem Supermarkt mit Massenprodukten ähnelt.

Dabei schöpft das Kunstwerk aus Tradition seinen Wert von seiner Einzigartikeit. Und ist der Künstler kein Entrepreneur, der lauter Produkte vom Stapel lässt. Wertlose, weil Wert-leere Produkte. Er ist, so möchte man meinen, ein Seismograph, der den Zuständen seiner Zeit nachspürt und empfindsam Ausdruck verleiht. Und so erst ein Luxusprodukt schafft.

Epidemie des Abstrakten

Heute ist die Massenproduktion in der Gegenwartskunst oft marktkonforme Strategie. Etliche Künstler bedienen die weltweit steigende Nachfrage nach Kunst – fieberhaft, gefallsüchtig und selten aus einem schöpferischen Verlangen heraus. Ungegenständliche Arbeiten eignen sich dafür bestens. Die Werke ecken kaum an und sind schnell fertig. Mitunter boomen sie deswegen. Dies ist nicht nur die Beobachtung der Autorin dieses Textes. Der Belgier Alain Servais klagte in einem seiner Newsletter über eine „Epidemie der abstrakten Kunst“. Der Sammler hatte kurz zuvor die Armory Show besucht, d i e New Yorker Kunstmesse. Die dortigen Galeristen, so Servais, gaben ihm gegenüber zu, die Flut an „bequemer Kunst“, an „commodity art“, sei eine Antwort auf die Nachfrage der Käufer.

China schon morgen?

So der Trend in Amerika. Doch war Amerika gestern und ist China morgen? Banker Andreas Schmitz spekuliert in diese Richtung. Er meint,  der wirtschaftliche Vormarsch Asiens könnte bald auch die ästhetischen Wertmaßstäbe im Westen verändern – ähnlich dem kulturellen Export der Amerikaner zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Schmitz, Vorsitzender des Aufsichtsrats der HSBC Trinkaus & Burkhard, sammelt ausschließlich zeitgenössische asiatische Kunst. Die hängt im Privathaus in Düsseldorf, im Feriendomizil am Tegernsee und in der Bank. Nicht selten wirken seine Bilder auf die Kunden eher verstörend als anziehend: Ob Yang Shaobins sich schier unter Schmerzen auflösende Körpermassen oder Zhang da Zhongs tote Rotgardistinnen. Aber der Mann von Welt weiß auch, „als wir noch auf den Bäumen sprangen, war China eine Hochkultur“. Und heute leben dort 430 Milliardäre, die immer mehr Interesse auch an Kunst zeigen.

Peter Haller besitzt kein zeitgenössisches Kunstwerk aus China. Und er ist auch von Chris Dercons Ikea-Kunst-Falle unbeeindruckt: „Es ist doch immer so gewesen, dass während einer Epoche nur ganz wenige Künstler wirklich Neues produziert haben. Selbst von den Surrealisten erinnert man sich heute an gerade mal fünf Namen: Max Ernst, Giorgio de Chirico, Yves Tanguy, Salvador Dalí, René Magritte.“

Die Top 5 unsere Tage aufzuspüren könnte auch die Ambition von Unternehmen sein. Eine bessere Visitenkarte gibt es nicht.