Kunst. Werte. Leidenschaft.

Creating

Unperfekt schön

Kühle Landschaften im Osten, warme Winde aus der Fremde – dem Georgier Irakli Bugiani gelingt es, mit ­wenigen Pinselstrichen viel Atmosphäre zu schaffen

Wer im Herbst letzten Jahres durch die georgische Hauptstadt Tiflis geschlendert ist und die Ausstellung von von Irakli Bugiani in der National Galerie besucht hat, wird automatisch festgestellt haben: Dieser Maler hat eine Schwäche für Plattenbauten im Winter. Und er legt eine für die meisten wohl unbekannte poetische Seite dieser Architektur frei. Dabei wirken viele seiner Arbeiten geradezu unfertig: Die sozialistischen Gebäude stehen bisweilen auf fast leeren Flächen, die wie weißer Schnee erscheinen. Dieser beiläufige Effekt hat durchaus seinen Charme. Im Grunde ist aber all das gar nicht gewollt: Will das Unfertige nicht so sehr eine Illusion sein, sondern es selbst. Das Unfertige, die Leere. Begriffe, die in einem Land wie Georgien, in das der Maler als Irakli Bugianishvili 1980 geboren wurde, nie wertneutrale Vokabeln sind.

70 Jahre hat der Sozialismus in Georgien geherrscht. Und unfertig oder unvollkommen, insbesondere im materialistischen Sinn, war das Leben der Menschen dort sicherlich. Vor allem im Alltag, wo Güter fehlten und bei manchen vielleicht auch die Überzeugungen für die Ideologie. Aber das war vor rund 15 Jahren. Ist das Land heute, da der Sozialismus überwunden und der Kapitalismus im Anmarsch ist, vollkommener? Die Antwort fällt jedem Georgien-Touristen schwer. Das Land gleicht momentan einer Leerfläche. Gewiss kann das auch im positiven Sinne gewertet werden: Wie auf einem weißen Blatt ist jetzt vieles möglich – nur manches dann doch eher in der Theorie. An Ideen und Willenskraft fehlt es nicht, aber an Geldern, politischem Konsens und wirtschaftlichen Verbündeten.

Der 36-jährige Bugiani lebt seit 2001 nicht mehr in Tiflis,- wo er aufwuchs und zur Akademie ging, sondern im wirtschaftsstarken Düsseldorf. Unvollkommen erscheint ihm das Leben in der Stadt am Rhein in mancher Hinsicht trotzdem. Denn selbst in Deutschland hat das ökonomisch-politische System seine Schwachstellen. Selbst hierzulande fühlen sich Menschen leer – auch wenn es nicht unbedingt eine potemkinsche Leere ist, sondern eine dem Überfluss und Überdruss geschuldete.

Und dennoch: Bugiani hat in Deutschland die Kunsthochschule besucht (von 2001 bis 2006 in Karlsruhe) und zu einer freien Kunstsprache gefunden. Einer „Malerei, die von der Malerei erzählt“. Der Künstler verwendet dafür am liebsten Ölfarben, mit denen er seine Leinwände mit mehreren Schichten grundiert. Jede Schicht „lebt für sich und leuchtet hindurch“, beschreibt Kurator Nurdan Yakup die Werke. Zuletzt konnte man das in Tiflis in der Dimitri Shevardnadze National Gallery erfahren: Wie kurz abgestellt lehnten dort die Werke Bugianis an den Wänden. Wieder wirkte alles unfertig wie bei einem Umzug. Aber es passte zu seiner Handschrift.

Schaut man die Bilder genauer an, erkennt man die Meisterhaftigkeit des Malers: Zart hat er die Farbflächen auf Leinwand gepinselt, aber eben so genau, dass aus ein paar Meter Entfernung Stadtschluchten, Naturlandschaften oder gar kitschige Sehnsuchtsorte entstehen. Bugiani ist ein Profi: „ Ich habe viel mit den verschiedensten Materialien und Techniken experimentiert, letztlich bin ich zur Leinwand zurückgekehrt.“ Ein Profi, der dem Technischen und dem Gefühl in der Malerei gleich viel Platz einräumt. „Und ich denke, dass Kunst durchaus im Dialog mit dem Kitsch stehen sollte.“