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Dossier

Find’ mich schön!

Seit Jahrhunderten versuchen Ästhetiker herauszufinden, was schön ist. Vollkommenheit, Harmonie, Klarheit? Von der Klassik hat sich die Kunst längst entfernt. Was ist geblieben im Katalog der Schönheitsmuster?

Frontales, symmetrisches Gesicht, glühender Blick, ein dominanter Rot-Grün-Kontrast. Alexej von Jawlensky braucht nur in etwa eine halbe Stunde, um das Meisterwerk fertigzumalen. Es zeigt den Tänzer Alexander Sacharoff und entsteht kurzerhand in dessen Garderobe. Kurz darauf verschwindet der Schönling in seinem leuchtend roten Kostüm auf die Bühne. Vorher aber schnappt er sich das Werk, für das er sofort brennt, als er es erblickt.

Begeistert sind Jahrzehnte danach scharenweise Betrachter des Bildes. Massen von Menschen kommen deswegen nach München ins Lenbachhaus. Und das Museum weiß das, weshalb es mit dem Bild auf Broschüren oder in U-Bahnstationen wirbt. Aber warum diese Anziehungskraft?

Kunsthistorikern Daniela Engele führt durch das Lenbachhaus und gibt peu à peu Antwort: „Jawlensky suchte nach einer allgemeingültigen Erscheinung des Menschen. Er forschte nach den Charakteristika des Überpersönlichen, egal ob in Mann oder Frau.“ Das ist wohl auch der Grund, weshalb ihn der androgyne Sacharoff so fasziniert hatte. „Er beschreibt die Figur mit einer dunklen Kontur“, so Engele weiter, „das Gesicht mit dichter weißer Puderschminke, umrahmt mit dunklem vollem Haar.“ Es wird klar: Kontraste wirken ködernd. Ob im Gesicht oder in der Kleidung, die bei Sacharoff mit dem Hintergrund einen Komplementärkontrast bildet (Rot/Grün). Aufgelockert wird das Ganze durch die rasche Ausführung und die scheinbaren Ungenauigkeiten. „Schauen Sie genau hin“, fordert Engele. „Da ist dieser grüne Tupfer im Auge oder auch im roten Kleid.“ Es macht das Bild „spannender“, lässt es „stellenweise flimmern“, weil sich die Komplementärfarben nicht nur als große Bildflächen nah sind, sondern punktuell aufeinanderliegen. Auch in dem Haar des Tänzers ist bei genauerem Hinsehen nicht nur Schwarz erkennbar. Die Pracht wirkt so wuschelig, weil andere Töne und Tupfer darin tanzen. Ebenso wie im Augenweiß ein zartes Grün aufliegt. Und dadurch der Blick des Tänzers noch geheimnisvoller wird.

Zauberhafte Tricks

Gute Maler wissen um diese Tricks und wie sie den Pinsel wie einen Zauberstab entlang der Leinwand führen müssen, sodass am Ende mehr entsteht, als wir zu sehen glauben.

Wenn Hobbymaler berühmte Werke nachmalen, kommen diese Unterschiede schnell zutage. In ihren Versionen wirkt Franz Marcs berühmtes „Baues Pferd“ (1911) oft steif und kalt. Und dass, obwohl die Haltung des Tieres, die fast menschlich erscheint, dieselbe ist wie auf dem Original. Aber es fehlen fast immer die Beimischungen in dem Blau: das Gelb am Bein des Tieres oder das Rosa am Kopf. Es sind versteckte Töne, die wir beim schnellen Erfassen des Bildes nicht wahrnehmen. Wir sehen nur Blau.

Sich mit diesem Ton als Tierfarbe anzufreunden, brauchte jedoch einige Jahre in der Rezeptionsgeschichte des Bildes. Als Franz Marc das Pferd malte, verschmähten ihn die Menschen dafür. Und Wassily Kandinsky, sein Bruder im Geiste, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts tief in die Wirkungsmacht von Farben eingetaucht war und mit seinen Verbündeten auf Basis seiner Erkenntnisse eine Künstlergruppe gründete (Blauer Reiter), wurde spürbar angefeindet für seine „Farbsünden“. Passanten hämmerten gegen die Scheiben seines Ateliers in Schwabing, als sie die grünen Gesichter und blauen Reiter auf seinen Leinwänden erblickten.

Warum nur finden wir die Bilder heute schön? Zunächst, da sich unser Auge an diese Art von Malerei gewöhnt hat. Und unser Geist auch. Er verlangt von Künstlern nicht mehr, dass sie die Realität nachahmen, sondern eine neue Welt erschaffen, mit der sie Emotionen evozieren und uns aus dem Alltag heben.

Was wir als schön empfinden, ist also mitunter dem Wandel der Zeit unterstellt. Und dennoch gibt es Muster, die über Jahrhunderte hinweg erhaben sind. Symmetrie, Harmonie oder wie es die Griechenverehrer nannten: Ebenmaß. „Das genaue Verhältnis, das richtige Ebenmaß aller Theile“, schrieb Johan Christoph Gottsched 1729, „ist die Quelle aller Schönheit“. In der Tat wird Ordnung und Klarheit fast immer als angenehm bewertet. Egal ob in der Malerei, der Musik, der Dichtung. Klare Linien beruhigen uns. Wir folgen ihnen mit Ruhe und Genuss.

Deshalb werden in Kompositionen ausgeglichene Formen wie das Dreieck oder der Kreis häufig benutzt. In der Renaissance gab es etliche Dreiecksanordnungen etwa der Heiligen Familie. Oder kreisförmige Kompositionen von Heiligenfiguren. Und der Tondo, die runde Leinwand, entstammt nicht ohne Grund dieser Epoche, die nach Vollkommenheit strebte.

Alles schön und gut. Nur, wieso hat ein niederländischer Meister des ausgehneden Mittelaters wie Hieronymus Bosch mit seinen vollgestellten Schreckensbildern so viele Anhänger gefunden? In seinen Gemälden herrscht nicht nur ein Horror Vakui, ist jeder Fleck mit Figuren versehen. Es werden auch, insbesondere im rechten Teils des Triptichons „Garten der Lüste“, Menschen gefoltert, aufgefressen, sexuell misshandelt. Und wir schauen gerne zu, während uns vermutlich ein süßer Schauder über den Rücken läuft. Eben darin liegt die Anziehungskraft dieses Höllenbildes. Wir Menschen sind nicht nur harmoniebedürftig, sondern auch sensationslüstern. Und wir wissen, dass das Leben nicht nur schön ist, sondern endlich – ein Gedanke, der uns quält und zugleich antreibt. Die Römer stellten sich aus eben diesem Grund schmerzgeplagte Statuen in ihre Gärten. Es ging darum, zwischen den schönen Skulpturen lustzuwandeln und vor den hässlichen – etwa dem geschundenen Marsyas, dem bei lebendigem Leib die Haut abgezogen wird als Strafe der Götter – daran erinnert zu werden, dass alles ein Ende hat. Und über allem die göttliche Übermacht wacht. Der Sinn des Daseins? Ein schönes, weil moralisches Leben führen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verlangten zunehmend mehr Frauen nach diesem schönen Leben. Sie, die über Epochen hinweg äußerlich schön und innerlich gefolgsam zu sein hatten, wollten nun glücklich sein. Und dadurch ein schönes Leben erfahren.

Mit ihren Wünschen beschäftigt sich die Malerei der Maria Lassnig. Ihre Motive sind dabei zum Teil verstörend: Vor allem fragmentierte Körper zählen zu den Markenzeichen der 2014 verstorbenen Österreicherin. Dennoch würden wohl die meisten Betrachter auch diese Bilder als ästhetisch bezeichnen.

Und hier schließt sich der Kreis von einer Malerei 2.0, wie vor einigen Jahren eine Schau (u.a. mit Werken Lassnigs) zu den aktuellen malerischen Strömungen hieß, zum Blauen Reiter. Die Farbe macht den Unterschied. Bei Lassnig wirkt das Kolorit, trotz der verzerrten Körper, freundlich. Ob in der Gouache „Greifvogel“ als strahlendes Gelb, oder, wie in den meisten ihrer Bilder, als Pink-Grün-Kontrast. Lassnig  schuf über das Kolorit eine Brücke zu ihren nicht immer friedlichen Themen. Und tat also das genaue Gegenteil der Künstler des Blauen Reiters. Letztere bildeten schöne Motive in gewöhnungsbedürftigen, teilweise kranken Farben ab. Anerkennung (Goldener Löwe in Venedig) erlangte die Feministin dafür erst spät, mit 93 , nur ein Jahr vor ihrem Tod.

Schiller hat mal geschrieben, Kunst trage dazu bei, dass wir nicht verrohen. Sie darf also durchaus mit Gefühl zu tun haben. Bilder sollen uns erheben und erregen – auch oder gerade in einer zunehmend rationalisierten Welt. Das Schauen darf zur Augenlust gedeihen: durch glühende Blicke und, wie die Kunsthistorikerin Daniela Engele findet, „die kraftvolle Wirkung der Farben“.

 

Die Macht der Farben 

Goethes Farbenlehre

1810 beschreibt der Universalgelehrte seine Experimente mit Pergament, Opalglas, Seifenblasen. Und malte seinen Farbkreis.

Johannes Ittens Farbtheorie

Er ist der Begründer der Farbtypenlehre, beschäftigte sich mit dem Zusammenwirken von Form und Farbe und schuf 1961 das Werk „Kunst als Farbe“.

Le Corbusiers Farbklaviaturen

Der Schweizer ordnete 43 Farbtöne auf 12 Musterkarten an. Drei bis fünf Töne auf einer Karte stehen für eine bestimmte Farbstimmung und Raumwirkung.