Kunst. Werte. Leidenschaft.

EXPLORING

„Wir schließen täglich einen Pakt mit irgendwelchen Teufeln“

Agnes D. Schofield

Kann man durch Kunst eine Wahrheit, die Welt, sich selbst erkennen? Es heißt Künstler, insbesondere die sensiblen, besäßen die Fähigkeit, mehr
wahrzunehmen als das Sichtbare um uns herum. Sie seien sensitiver und erkennen Dinge, von denen der gewöhnliche Mensch kaum etwas mitbekommt. Manchmal führt das zu Ahnungen, man denke nur an Ernst Ludwig Kirchner und seine düsteren (Großstadt-)Bilder kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Unverkennbar verschafft sich in ihnen das herannahende Grauen seinen Ausdruck. Und wir, zumindest die sensiblen unter uns, spüren das. Kurzum: Wer sich mit Kunst beschäftigt, kann mit Künstleraugen die Welt betrachten und dadurch  sogar Unsichtbares oder Unterschwelliges erkennen. Neue Erkenntnisse erlangen, etwa darüber, „was die Welt im innersten zusammenhält“, um mit Goethes Faust zu sprechen. Roger Diederen hat den Literaturklassiker in die Kunsthalle München geholt und mittels künstlerischer Auseinandersetzung unseren Blick auf Dr. Faustus' Fragen zu erweitern versucht.

 

Herr Diederen, es irrt der Mensch so lang er strebt, heißt es in Faust I. Kann die Kunst daran etwas ändern?

Man hofft, wissen tun wir es nicht. Vielleicht können Künstler und Kuratoren zum Nachdenken anregen und so über einen Umweg die Welt verändern. Das zumindest wünsche ich mir grundsätzlich mit Ausstellungen zu erreichen. Die Ausstellung „Du bist Faust“ ist übrigens auch über einen Umweg entstanden. Ich wurde von der Klassik Stiftung Weimar gefragt, ob wir nicht mal eine Ausstellung zu Goethe machen wollen. Anfangs hatte ich meine Zweifel. Was sollte ich da zeigen? Die Italienreise, die Farbenlehre oder nur Bücher in Vitrinen legen? Das ist schon öfters gemacht worden und war nicht immer sehr sinnlich. Dann allerdings wurde uns klar, dass wenn Künstler sich mit Goethe beschäftigten, sie sich immer mit „Faust“ auseinandergesetzt haben. Das ist so ein großartiger Text, nach wie vor. Da steckt einfach alles drin, nicht umsonst ist es ein Klassiker. Aber vor allem auch die Oper von Gounod hat den Stoff international bekannt gemacht. Sie hat mehr zur weltweiten Verbreitung beigetragen als irgendeine Übersetzung. Allerdings liegt bei Gounod der Fokus auf der romantischen Liebesgeschichte. Aber letztendlich geht es natürlich dabei auch um Verführung und den Pakt mit dem Teufel.

 

Wer ist heute der Teufel?

Wir alle finden uns in den drei Hauptfiguren wieder. Und man kann schon sagen, wir schließen letztendlich tagtäglich irgendeinen Pakt mit irgendwelchen Teufeln. Der Begriff Teufel ist breit interpretierbar.

 

Und die Verführung lauert an jeder Ecke… in jedem Warenhaus. Selbst im Museumsshop.

Genau.

 

Welche Kunst werden Sie zeigen? Werke aus Goethes Zeit, dem angehenden 19. Jahrhundert?

Anfangs wollten wir die Werke sehr brav chronologisch der Kunstgeschichte nach präsentieren, von Delacroix bis zu Anselm Kiefer und Sigmar Polke. Das schien uns dann aber ziemlich langweilig. Es fehlte der richtige Funke und wir bangten darum, dass sich keiner eine derartige Ausstellung anschauen würde. Dann kam mir die Idee, die Schau im wahrsten Sinne theatralisch zu inszenieren.

 

Was hat den Funken zum Überspringen gebracht?

Ich habe Philipp Fürhofer, Künstler und Bühnenbildner aus Berlin, gefragt, ob er nicht die Gestaltung der Räume übernehmen möchte. Er war ein goldener Griff. Mit ihm und den Kollegen aus Weimar, Thorsten Valk und Sophie Borges, sowie Nerina Santorius, Kuratorin der Kunsthalle, haben wir dann das Konzept neu überdacht. Jetzt werden die Besucher wahrlich durch den Bühnenstoff wandern und die Kunstwerke werden thematisch in aufwendig inszenierten Räumen präsentiert. Man wird zunächst durch einen Bühnenvorhang die Ausstellung betreten und dann weiter auf den „Brettern, die die Welt bedeuten“ laufen. Das wird ziemlich spektakulär, das kann ich versprechen.

 

Wir gehen also die Handlung ab?

So ungefähr. Es gibt zunächst einen Raum mit einer Einführung zu Goethe, seiner Biografie, seiner lebenslangen Beschäftigung mit Faust I und II. Da zeigen wir  unter anderem ein Werk von Candida Höfer, die sein Studierzimmer fotografiert hat und eine große Wandverkleidung mit dem Wohnhaus in Weimar. Außerdem sind zwei Goethe-Portraits und eine Referenz zur „Akte Brandt“ zu sehen. Goethe hat als Jurist sehr wahrscheinlich einem Prozess beigewohnt, bei dem eine Susanna Margareta Brandt verurteilt wurde, weil sie ihr Kind getötet hatte. Das wurde natürlich der Kindsmord Margaretes, der so in Goethes Text eingeflossen ist. Die Geschichte des Dr. Faustus gab es ja schon seit dem späten Mittelalter, Goethe hat diese Geschichte neu gedichtet und diesen Kindsmord als eigenes Element hinzugefügt. Und er hat von seiner Großmutter als Kind ein Puppentheater bekommen, dessen Fassade wir im ersten Raum vergrößert darstellen. Von da aus besteigt der Besucher dann die Bühne und kommt durch einen Vorhang im „Prolog im Himmel“ an; dieser Raum wird mit einem Sternenhimmel-Motiv verkleidet sein. Kurze Filmausschnitte der berühmten Gustaf Gründgens- und Peter Stein-Inszenierungen erklären die Wette zwischen Gott und Mephisto um Faustens Seele. Des Weiteren zeigen wir eine lebensgroße Marmorskulptur von Mephisto eines russischen Künstlers und ein paar Bühnenentwürfe. Dann folgt ein eigener Raum für Mephisto, sowie für Faust und Gretchen...

 

Um die Figuren vorzustellen und zu verstehen...

Richtig, mit verschiedensten Kunstwerken aus verschiedenen Epochen und Gattungen. Gretchen wird ja anfangs als die pure Unschuld, als gläubiges, braves Mädchen dargestellt. Später aber kommt der große Bruch in der Geschichte: die Schmuckkästchenszene. Da verliert sie ihre Unschuld, es kommt zur Begegnung mit Faust, der erste Kuss. Und wir kommen in einen Raum, in dem wir die Opernbühne betreten, die Oper von Gounod. Später folgt ein Raum, in dem es um die Liedkultur geht, und darum, dass der Stoff viele Komponisten inspirierte, etwa zu „Gretchen am Spinnrade“. Schließlich treten wir in Räume, in denen die ganze Geschichte schon gekippt ist, die Walpurgisnacht, der Kindsmord, Gretchens soziale Ächtung. Zum Schluss präsentieren wir unterschiedlichen Faust-Editionen und an den Wänden liest man bekannte Zitate: etwa „Zwei Seelen in einer Brust.“

 

Diese Faust-Zitate werden heute sogar zu Werbeslogans umgedichtet...

Oh ja, ich sah gerade bei einer Drogeriekette den Spruch: Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein.

 

Statt: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.

So ist es.

 

Ist das das Ende des Ausstellungsparcours?

Fast. Ganz am Schluss verlassen wir wieder durch einen Vorhang die Bühne und kommen in einen Dreiecksraum mit Spiegeln. Man sieht sich selbst, als Anspielung auf den Ausstellungstitel „Du bist Faust“, bzw. Du bist Gretchen, Du bist Mephisto. Wir haben eine schöne Kooperation mit dem Residenztheater: der Autor Albert Ostermaier hat exklusiv für uns, ausgehend von Goethes Original, drei kurze Texte geschrieben für die jeweiligen Hauptcharaktere. Schauspieler des Residenztheaters, das zeitgleich Faust im Programm hat, haben diese rezitiert und wurden dabei gefilmt. So wird der Besucher mit einer ganz neuen, theatralischen Kreation verabschiedet.Als mir klar wurde, wie viel man noch machen könnte, wofür wir in der Ausstellung gar kein Platz haben, habe ich im September 2016 die ganzen Kulturkollegen aus München eingeladen, um sie zu animieren, eigene Programme zum Thema Faust auf die Beine zu stellen. Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, aber die Resonanz war enorm. Und so ist aus der Ausstellung zusätzlich das Faust-Festival München 2018 entstanden. Max Wagner, Geschäftsführer des Gasteigs, war direkt Feuer und Flamme und richtet dort das Festival-Zentrum ein. Aber in der ganzen Stadt wird etwas geboten sein. Das Theatermuseum macht beispielsweise eine Ausstellung zu Faust-Aufführungen, das Museum Reich der Kristalle zu Faust und der Alchemie, und der Club Harry Klein kreiert eine Techno-Oper. Faust ist der perfekte Stoff für diese enorme Vielfalt an Angeboten.

 

In diesem Stoff, in dieser Geschichte des Faust verbrennt die Figur fast daran, dass sie alles gelesen hat, viele Regalmeter Bücher, und doch nichts heraus gefunden, darüber, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. („Ich sehe dass wir nichts wissen können, das will mir schier das Herz verbrennen“, heißt es). Ihre Ausstellung heißt „Du bist Faust“. Gab es bei Ihnen persönlich so einen Erkenntnismoment in Verbindung mit Ihrer Arbeit oder einem bestimmten Kunstwerk?

Ich fühle mich vor allem als Kunst-Historiker und betrachte die aktuelle Kunstszene mit Interesse aber auch Abstand. Wenn ich auf historische Kunst zurückblicke, kann ich daraus Themen ableiten, die für mich auch heute interessant sind, z.B. wie Menschen früher  Herausforderungen begegnet sind. Wir zeigen gerade eine Ausstellung zur französischen Kunst des 19. Jahrhunderts, die sogenannte Salonmalerei, die leider immer noch in bestimmten Kreisen verpönt ist. Mir war es wichtig zu zeigen: Auch wenn die Salon-Jury bestimmte strenge Kriterien vorgab, haben viele Künstler doch bewiesen, wie man damit kreativ umgehen konnte. Und sie haben dabei Großes hervorgebracht. Das fasziniert mich.

 

Apropos Salonmalerei. Beim Faust kommt der Begriff Kunst zwar vor, aber in Verbindung mit Kunstfertigkeit. Heute scheint diese ja streng verpönt, man spricht z.B. nicht mehr über Kompositionsfragen, Goldenen Schnitt usw. Alles das, was bei einer Bildbetrachtung für die Qualität steht, wird nicht mehr hinterfragt. Oder wie sehen Sie das?

Das hat tatsächlich im Großteil der Gegenwartskunst seinen Stellenwert verloren. An den Akademien wird kaum noch das Handwerk gelehrt, das ja bis Anfang des 20. Jahrhunderts an erster Stelle stand, wie wir in der aktuellen Ausstellung zeigen. Natürlich hat der Erste Weltkrieg alles zerrüttet und es ist nachvollziehbar, dass alte Regeln verworfen wurden. Heutzutage wird Kunstfertigkeit kaum mehr verlangt, denn das Konzept, die Idee ist vorrangig geworden. Aber ich beobachte auch, dass das Pendel wieder langsam zurückschlägt. Es ist z.B. interessant, wie auf unsere Ausstellung reagiert wird: Als ich noch Kunstgeschichte studiert habe, wurde die Salonmalerei als Kitsch abgetan. Die jüngere Generation ist wieder vollkommen offen dafür und findet diese riesigen Gemälde „cool“. Auch bei jüngeren Akademie-Studenten besteht wieder mehr Bedarf das Handwerk zu lernen. Ich möchte hier übrigens nicht als der konservative Reaktionär gewertet werden. In jeder Kunstform gibt es großartige Werke, es geht mir nicht um reine Ästhetik.  Kunst darf den Betrachter gerne fordern. Aber es ist eine fantastische und eine verdammt schwere Herausforderung, etwas handwerklich sehr gut darzustellen. Gegenständliche und narrative Darstellungen sind nach wie vor bei Künstlern und Publikum beliebt. Ich glaube auch, dass deshalb die Fotografie so hoch im Kurs ist.

 

Wie haben Sie eigentlich zur Kunst gefunden und warum wurden Sie Kurator bzw. Leiter einer Kunsthalle? Wonach strebten Sie?

Oh, es war ein langer Weg. Und am Anfang stand natürlich die Frage: Was machst du mit deinem Leben? Ich habe mich immer für Sprachen interessiert, aber da befürchtete ich, wenn ich eine Fremdsprache studiere, würde ich Lehrer werden. Und das hatte mich nicht gereizt. Erst spät habe ich herausgefunden, dass es so was gibt wie das Fach Kunstgeschichte an der Universität. Das war was für mich! Schnell wurde mir klar, dass ich mich mit den realen Objekten im Museum beschäftigen möchte und nicht nur rein theoretisch an einer Universität damit umgehen möchte. Nun habe ich reichlich zu tun, aber weil ich es so gerne mache, empfinde ich es kaum als Arbeit. Wir sind ja ein reines Ausstellungshaus, ohne eigene Sammlung. Das ist einerseits eine große Herausforderung, gute Leihgaben zu bekommen, andererseits gibt es eine enorme Freiheit was die Themenauswahl der Ausstellungen betrifft. Wie bei dem Projekt zum Faust. Wir können mit einem leeren Blatt anfangen. In einem konventionellen Museum wäre so eine Ausstellung nie entstanden, weil man da anders denkt, meistens mit einer Sammlung als Ausgangspunkt.

 

Sie machen Ihre Themen auch sehr zugänglich.

Das ist mir auch äußerst wichtig. Es bringt nichts, wenn ich nur Ausstellungen für mich und meine zehn Kunsthistoriker-Freunde mache. Und ich kann auch nicht erwarten, dass jeder Besucher Kunstgeschichte studiert hat. Wenn ich finde, ein Thema lohnt sich, muss ich es auch nachvollziehbar machen. Und das ist etwas, das bei vielen Kollegen fehlt. Uns ist übrigens auch wichtig, dass die Ausstellungstexte verständlich sind. Da steckt viel Arbeit dahinter, denn es wird über jedes Wort nachgedacht.

 

Ob es zur Erkenntnis beiträgt...

Genau. Oder ob es einfach eine Worthülse ist.

 

Ich kenne das aus so manchem Feuilletontext.

Ja, manchmal hat man einfach nichts verstanden. Und da wären wir wieder beim Faust. Man muss zum Kern der Dinge vordringen.

 

Des Pudels Kern. Das ist doch ein schöner Abschluss. Danke für dieses Interview.

 

 

"Du bist Faust" in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München,

zu sehen noch bis 29. Juli 2018, täglich von 10.00 bis 20.00 Uhr 

 

Tickets

regulär: € 12, für Senioren  € 11, für Kinder (ab 6 Jahre) und Jugendliche: € 1

Schüler, Studenten und Auszubildende (bis 30 Jahre) sowie Arbeitslose: € 6

Montags 50% Ermäßigung auf alle Eintrittspreise außer an Feiertagen (2.4.18, 21.5.18)

Inhaber einer HVB Mastercard Gold oder HVB Visa Infinite Card: frei