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TIPP DER REDAKTION

Frühjahrsputz der Geschlechterrollen

Agnes D. Schofield

Löwen- oder Rabenmutter, Mummy oder Partygirl - Es gibt etliche Mutterrollen. Und noch immer viele Tabus und Vorurteile, die im Kopf aufpoppen, wenn wir den Begriff "Mutter" hören. Eine Ausstellung in Berlin hat sich mit eben diesem Phänomen beschäftigt. Noch bis 8. April kann man im Kunstquartier Bethanien betrachten, was zwei Kuratorinnen zu dem Thema zusammengesammelt haben. Wir haben mit Saralisa Volm vorab ein Interview geführt.

 

Artcollector: Frau Volm, sind Sie Mutter? Und hat dieser Umstand den Anstoß zu der Ausstellung gegeben? 

Saralisa Volm: Ja, wir sind beide Mütter. Britta Helbig hat zwei Kinder, ich vier. Und mit Sicherheit denkt man als Mutter mehr über Mutterschaft nach, als ohne Kinder. Ausschlaggebend waren jedoch vor allem die Rollenbilder, in die man täglich aufs Neue gepresst wird.

Etwa die "hot chick", die "working mum", die Raben- oder Löwenmutter. Sie wollen mit der Ausstellung diese und andere Rollen aufzeigen, mithilfe von Kunst. Wie genau?

Zum einen sind die Arbeiten der Künstler sehr vielseitig in Bezug auf die Medien und die Inhalte. Wir zeigen von der starken Mutter bis zum gebärenden Vater alles, was man mit Mutterschaft in Verbindung bringen kann. Eindeutig bis uneindeutig. Uns ging es auch darum, in der Ausstellung mit assoziativeren Arbeiten einen Raum zum Nachdenken und Phantasieren zu eröffnen. Es gibt Werke, die sich mehr mit dem Verhältnis zwischen Eltern und Kindern beschäftigen und solche die die Rolle der Frau in der Gesellschaft ausloten - und wieder andere die sich in der Symbolik für Mutterschaft vertiefen.

Es gibt in Ihrer Auswahl zum Teil sehr verstörende Bilder. Beispielsweise die nackte Frau auf allen Vieren, die von ihrem Sohn geritten wird und dabei eine Art Pferdemaske und -schwanz trägt. Warum gerade dieses nahezu pornografische Werk der Künstlerin Iris Schieferstein? Was sagt es für Sie aus?

Es hilft, Dinge mit Humor zu nehmen. Ich sehe hierin das Gefühl, das viele Eltern kennen: das immerzu reitende Pony sein zu müssen. Egal wie man sich fühlt. Es geht immer weiter im Galopp, von einer Verpflichtung zur nächsten, angetrieben durch Kinder und Druck, der hier in der Peitsche seinen Ausdruck findet. Dass man es dabei nicht einmal schafft, sich ordentlich anzuziehen, kenne ich zu gut… gerade habe ich übrigens online ein Werbevideo gesehen für Eltern-Kind-Sattel. Das Werk ist also noch realer als gedacht.

Sehr sinnlich und ein echter Hingucker ist auch das Bild mit der Brustwarze als Eiskugel von Annique Delphine. Dazu im Vergleich wirkt jenes von Marktfrontfrau Rosemarie Trockel geradezu zurückhaltend und wirft die Frage auf:  Wie fügt sich Trockels Beitrag zu dem Rest des Programms? 

Das ist genau die Frage um die es geht: Wie können wir die vielen unterschiedlichen Facetten von Mutterschaft verbinden und uns damit von vorgefertigten Rollenbildern lösen? Wir glauben, man muss die Einseitigkeit aufbrechen und Raum schaffen für Vielfalt. Deshalb finden sich in der Ausstellung laute und leise Werke im Dialog. Manche Arbeiten scheinen offensichtlicher mit dem Thema verknüpft zu sein, andere wirken subtiler. Uns ging es um die Mischung und den Kontrast. Denn so ist schließlich auch das Leben: Es passt nicht in Schubladen.

Auch ein Künstl-ER ist im Programm. Ein Quotenmann? Warum?

Es gibt etliche männliche Künstler in der Ausstellung. Peter Wilde, Rene Shoemakers, Oliver Rath und Ron Helbig von GODsDOGs, um nur ein paar zu nennen. Wir haben sie ausgewählt, weil wir in ihrem Œuvre starke künstlerische Positionen fanden, die zu unserem Thema passen. Wir glauben zudem, dass auch Männer eine mütterliche Seite haben und auch mütterliche Aufgaben übernehmen. Wir sehen Mutterschaft nicht geschlechtsspezifisch. Überhaupt wollen wir weg von der Rollenzuweisung aufgrund biologischer Faktoren. Spannend ist in diesem Zusammenhang ein Gemälde von Peter Wilde, das einen Trans-Mann mit Schwangerschaftsbauch zeigt. Das hat uns sehr beeindruckt und zeigt, wie absurd es ist, Menschen immerzu zu klassifizieren.

Sie wollen sich, so liest man in der Pressemitteilung, nicht nur den verschiedenen Mutterbildern (der tätowierten, der durchtrainierten, der buchstäblich ausgesaugten, etc) widmen, sondern auch den archaischen Kräften, denen Frau beim Mutterwerden ausgeliefert ist. Was sind das für Kräfte?

Eine Geburt wirkt wie etwas schier Unmögliches und Einzigartiges, das die Gebärenden über sich hinauswachsen lässt. So fühlte es sich für mich zumindest an. Und das zieht sich dann weiter. Ein guter Freund, Malte Wedding, schrieb kürzlich in einer Kolumne: "Wer gemeinsam Kinder hinbekommt, muss vor nichts mehr Angst haben.“ Und ich glaube damit hat er Recht. Kinder großzuziehen, lässt Menschen über sich hinauswachsen.

Sind diese Kräfte so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner aller Eltern, wie sehr sie sich auch heute unterscheiden und wie unterschiedlich sie auch sein mögen verglichen mit den Müttern vor Jahrzehnten und Jahrhunderten?

Gewiss gibt es auch hier wieder Ausnahmen, aber im Allgemeinen denke ich schon, dass die Liebe zu einem Kind und die daraus erwachsende Kraft etwas ist, was sehr viele Eltern verbindet.

Frau als Mutter ist auch, z.B. kurz nach der Geburt oder als Stillende, ein hormongesteuertes, hochgradig biologisches Wesen. Wie passt das in die heutige technisierte und vernunftgesteuerte Gesellschaft? Wollen oder müssen sich Mütter gar zunehmend ihrer biologischen und archaischen Seite entledigen, um im Beruf oder in anderen Bereichen außerhalb der Familie ernst genommen zu werden? Sie sprechen im Pressetext von vermeidlichen Gegensätzen etwa zwischen mütterlicher Sinnlichkeit und mütterlichen Führungsqualitäten…

Wir befinden uns gerade am Rande einer Zeitenwende. Arbeit muss neu gedacht werden, denn Millionen Jobs fallen durch Technisierung und Robotik weg. Da können wir dankbar sein, dass wir Menschen noch mehr beherrschen als technische Abläufe. Wer seine Biologie kennt und annimmt, wer sich selbst intuitiv zu nutzen und einzubringen weiß, kommt da besser zurecht. Das wir von den Hormonen, die uns steuern, mal überrannt werden, dass Testosteron uns aggressiv und das Oxytocin uns weich macht, dagegen können wir uns ohnehin nicht wehren. Aber das macht ja auch die Spannung und Kreativität in Arbeitsprozessen aus. Gerade in der Kreativbranche sind Begeisterungsfähigkeit und Leidenschaft schließlich unbezahlbar.

Viele Frauen gehen wegen des Drangs nach Selbstverwirklichung bisweilen geradewegs in die Selbstausbeutung. Hat uns das die Emanzipation beschert? Dass wir Frau UND Mann sein wollen, uns doppelter Belastung aussetzen und am Ende eines Tages völlig fertig im Bett liegen?  

Meiner Meinung nach kann man Emanzipation nur ganzheitlich denken. In erster Linie geht es doch um die Freiheit, nach unseren individuellen Wünschen und Bedürfnissen zu handeln. Alle müssen die Chance haben, sich um Kinder und Karriere zu bemühen, oder auf beides zu verzichten. Dafür werden derzeit viele Modelle gedacht und in einigen Unternehmen schon erfolgreich gelebt. Ich bin guter Dinge, dass da eine neue Unternehmergeneration heranwächst, die mit mehr Transparenz, Miteinander und Vertrauen Arbeitsplätze schafft, die man mit Familie verbinden kann, egal welchem Geschlecht man angehört. Denn auch Männer haben ein Recht auf Elternzeit.

Wie kann man dem verkrusteten System etwas entgegensetzen?

Es gibt etliche sinnvolle Mittel: vom Recht auf Teilzeit bis hin zur Abschaffung des Ehegattensplittings zugunsten eines Familiensplittings. Alleinerziehende müssen steuerlich endlich fair behandelt werden. Die Kinderbetreuung muss noch besser ausgebaut werden und zugleich die Präsenzkultur in Unternehmen reduziert.

Wie gehen Mütter, die Künstlerinnen sind, mit der Doppelbelastung um? 

Für Frauen ist es noch immer sehr schwer, sich im Kunstmarkt zu etablieren. Und gerade für Mütter fehlen auch oft die Vorbilder. Das unterscheidet sich aber nicht von anderen Bereichen. Ob wir in der Spitzengastronomie oder in den DAX-Vorständen gucken: Frauen sind nach wie vor unterrepräsentiert und stoßen an gläserne Decken. Es tut sich viel, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns.

Wie passen Mütter generell in die Kunstszene und wie passen Kinder in die Kunstszene? 

Man muss das andersherum denken: Künstler*innen passen in die Kunstszene, unabhängig davon, ob sie Eltern sind oder mit ihren Kindern kommen.

Wie viele der Künstlerinnen, deren Werk Sie für die Ausstellung ausgesucht haben, sind Mütter?

Die meisten unserer Künstlerinnen sind Eltern. Fünf Künstlerinnen sind kinderlos.

Was erwartet den Besucher im Rahmenprogramm der Ausstellung, in den Talks und insbesondere in den Workshops? Werden Väter in die Rollen von Müttern schlüpfen?

Wir werden uns dem Thema auf unterschiedlichen Ebenen nähern. Zum einen erzählen Kulturschaffende bei einem Pecha Kucha Abend davon, wie sich das Künstlersein mit der Elternschaft verbinden lässt und zu welch' absurden Momenten das führen kann. Zum anderen laden wir bei Podiumsdiskussionen zum Diskutieren ein oder lassen Männer darüber streiten, inwiefern das Geschlecht den Wert der Kunst bestimmt.

Sie wollen auch über die Visionen für zukünftige Möglichkeiten von Müttern diskutieren. Was für Möglichkeiten meinen Sie? Dass z.B. Aufgaben von Robotern ausgeführt werden, die Kinder stillen und Ehemänner befriedigen? 

Wie wäre es mit Robotern, die die Ehefrauen befriedigen? Im Ernst: es geht um Freiheit. Darum, dass wir das Individuum und seine Bedürfnisse akzeptieren und dafür Raum lassen. Das bedeutet auch, dass man als homosexuelles Paar Kinder großziehen kann ohne schräg angeschaut zu werden, dass Mütter arbeiten gehen können so viel sie wollen und Kinder in verschiedenen Familienmodellen groß werden dürfen, ohne Stigmatisierung zu erfahren. Auf der anderen Seite soll niemand verächtlich zum 'Heimchen am Herd‘ degradiert werden, nur weil er sich dafür entscheidet, die Kinder zu Hause zu betreuen.

Ihrer Einschätzung nach: Wird die Gesellschaft mütterfreundlicher oder -feindlicher? Und was kann die Kunst beim Blick auf dieses Thema und in die Zukunft leisten?

Ich empfinde Deutschland als ein eher kinderfeindliches Land. Das schließt die Eltern dann natürlich mit ein, die nicht immer begeistert empfangen werden. Ob die Kunst das verändern kann, vermag ich nicht zu sagen. Aber Ausstellungen wie diese können zu Reflektion und Debatte einladen und einen Austausch unter Eltern anstoßen, der hoffentlich ermutigend ist und uns positiv in die Zukunft blicken lässt.