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Georgische Kunst entdecken und verstehen

Kaukasus ist Kult

Laut einer Legende soll Gott den Georgiern jenen Flecken Erde übergeben haben, den er ursprünglich für sich behalten wollte. Himmlisch ist das Land in der Tat. Man begegnet hier einer unendlichen Weite – außerdem glitzernden Ikonen und schamanischen Künstlern

Georgien ist ein kleines Land, das sich groß anfühlt. Vor allem im Großen Kaukasus. Wer es hierher geschafft hat, an den Rand Europas, steht inmitten einer mystischen Bergwelt. Die Berge – ruhig, erdig, verschlafen gar. Und immer wieder alte Kirchen. In ihnen riecht es nach Wachskerzen, es ist finster und von den Gewölben leuchten Heilige wie Nino (eine Frau) und Nikolai. Auch für nicht-religiöse Menschen kann diese Atmosphäre heilig sein. Man betritt ein dunkles Geheimnis, das in der orthodoxen Kirche Geheimnis bleiben darf. Noch mystischer wird es, wenn die Kirchenglocken polyphon erklingen und eine Melodie in die Luft schau- keln, so hell wie Licht. Solche spirituellen Spektakel können berühren. Sie können uns sogar inspirieren, mehr als die westliche Betonnüchternheit, die oft auch die Gedanken nüchtern hält. Die byzantinische Schönheit indes, die zwischen Gold und Lasurblau oszilliert, dazu der Geruch von kaukasischem Wind und Jahrhunderte altem Stein – das alles kann die Seele neu zum Klingen bringen.

Ich habe Georgien im Oktober bereist und mir in Mzcheta meine Basis eingerichtet. Der kleine Ort, 20 Kilometer von Tiflis entfernt, ist das Zentrum der georgisch-orthodoxen Geistlichen. In seiner Stille wollte ich das Land langsam auf mich wirken lassen. Deshalb war ich vor der Hauptstadt zunächst geflüchtet. Um erst gegen Ende meiner Reise zurückzukehren und die urbane Seite Georgiens kennenzulernen. Georgien war schon in der Zeit von 1922 bis 1991 eine der blühendsten und reichsten Regionen der UdSSR. In der Ära Saakaschwili unternahm die Regierung viel, um den Ruf als Paradies für Erholungsuchende wieder aufzufrischen. Doch hierzulande ist wenig davon angekommen. Man hörte vor allem von Krisen, etwa dem Krieg zwischen Russland und Georgien 2008 und der darauf folgenden Abspaltung Südossetiens. Georgien aber hat mehr zu bieten. Es ist ein altes Land, mit viel mehr Geschichte – und Geschichten. Die berühmteste Sage entstammt wohl der griechischen Mythologie. Im Kaukasus soll Prometheus angekettet und einem Adler ausgeliefert gewesen sein, der an seiner Leber nagte – zur Strafe der Götter. Eigene Naturgottheiten hatten die Georgier auch. Ein Künstler, den ich noch kennenlernen sollte, hat nach ihnen recherchiert. Jedoch mit mäßigem Erfolg. Es sei nicht mehr viel überliefert. Andere Glaubensschichten wiegen schwerer auf den Buckeln dieses Landes. Das Christentum etwa, das Georgien schon im 4. Jahrhundert als Staatsreligion annahm. Auch Juden hinterließen ihre Spuren, allerdings in geringem Maße. Viel größer war der Einfluss der Türken und Perser im 15. Jahrhundert, später der Zaren und schließlich der Sowjets, die die Religion wieder wegfegten. Kirchen wurden zu Lagerstätten umfunktioniert. 70 Jahre sollte es so bleiben. Heute ist die Orthodoxie wieder erstarkt. Sie gehört zur nationalen Identität des Landes – auch wenn die Regierung im Sommer 2011 den Status der Orthodoxie als privilegierte Religion aufhob. Der Patriarch Ilja II. soll nicht angetan gewesen sein. 

Sich fühlen wie ein kaukasischer Berg

Seine Hauskirche liegt in Mzcheta. Ich wohnte unweit dieser Kathedrale aus dem 11. Jahrhundert. Ihr Name: Sveti Zchoweli – was so viel bedeutet wie lebensspendende Säule. Einst stand an ihrem Platz angeblich eine Holzkirche und noch zuvor, eine Zeder, die wundersame Heilungen vollbrachte. Wundersame Heilungen – warum nicht. Solche Sachen liest man, aber man lässt sich kaum beeindrucken. Im Inneren war die Wirkung schon mächtiger. Ist es die geheimnisvolle Dunkelheit? Der übergroße Christus, der in der Apsis sitzt, in typischer Majestas-Domini-Haltung und dem festen Blick? Oder der Gesang, dieses hypnotische Gebet, das auch den Körper anvibriert? Vielleicht alles zusammen. Jedenfalls, hiervon war ich beeindruckt. Ich suchte den Bau sogar täglich auf und wurde mit jedem Tag ruhiger. Fast fühlte ich mich selbst wie ein ruhiger kaukasischer Berg. Eine gute Vorbereitung auf das, was ich noch vorhatte: den Kasbek sehen. Der Fünftausender liegt an der Grenze zu Russland und ist der dritthöchste Berg Georgiens. Von Mzcheta aus sind es mindestens drei Stunden Autofahrt zunächst nach Stepanzminda, dem Ort zu seinen Füßen. Mein Fahrer, Gula, stand mir einen ganzen Tag zur Verfügung. In seinem rechtsgelenkten japanischen Van glitten wir zwischen Lkw voller Granatäpfel und Kaki entlang des Flusses Aragwi auf der georgischen Heerstraße, einer einstigen Karawanenroute – heute gut asphaltiert. Der Pass kommt schon in Puschkins Gedichten vor, und das nicht ohne Grund. Was sich hier dem Auge eröffnet, ist nicht minder erhaben als der Kasbek: Lagunenblaues Wasser, steile Kaskaden, der Zusam- menfluss des weißen und schwarzen Aragwi, immer wieder alte Klöster und ein gigantisches sowjetisches Mosaik. Irgendwann, man verliert das Zeitgefühl, waren wir in Stepanzminda. Von hier aus kann man auf zweierlei Arten hoch zur Dreifaltigkeitskirche gelangen, die auf 2170 Metern thront. Man kann sich mit einem Mitsubishi, etwas holprig, hochschaukeln lassen oder zu Fuß entlang der mit Steinhaufen markierten Pilgerpfade. Ich war schwanger und wählte das Auto. „Zweiseelig“ wie es die Georgier sagen, war ich. Schon an ihrer Sprache wird deutlich, wie sehr sie an die Schöpfung glauben, Geister und Seelen.

An der Kirche angekommen, von wo aus man einen direkteren Blick auf den Berg hat – theoretisch –, hüllte sich der König des Kaukasus in Wolken. Schlimm fand ich das nicht. Der Aussichtspunkt gab anderes her: Eine 360-Grad-Sicht und das Gefühl, umringt zu sein von einer unzählige Male mich verschlingenden Monumentalität. Würde ich mich von immer weiter oben betrachten, ich ginge schnell unter in diesem gigantischen Landschaftsbild. Wäre ich dann nichts? Oder alles? Auch eine religiöse Frage. Religion ist heute ein unbeliebtes Thema – im Westen. Andernorts scheinen die Menschen Kraft und Freude aus ihr zu schöpfen, wie ich mit eigenen Augen gesehen habe, etwa dort oben in der Dreifaltigkeitskirche. Die Ge- orgier zeigen viel Zärtlichkeit in der Begegnung mit Ikonen. Sie küssen und berühren sie, zünden vor ihnen andächtig Wachskerzen an. Auch Gula, mein Fahrer, tat das. Und er drückte mir, wie selbstverständlich, auch ein paar in die Hand.

Ikonenmalerei: Geist strömt durch Materie

Die Ikone ist eine auf Holz gemalte Darstellung eines Heiligen. Das Gesicht steht im Fokus und blickt den Betrachter meist frontal an. Der Ausdruck: ein Mix aus Macht und Freude
– Würde. Heilige wie die Muttergottes oder Nino, die in Georgien inbrünstig verehrt wird, sehen nie einfach nur schön aus. Nicht wie manche Marien in der christlichen Kunst. Sie wirken entrückter, kaum mit menschlichen Zügen ausgestattet. Das verdanken sie vor allem der Art, wie sie gemalt wurden: die Augen überproportional groß, der Mund lächelt sanft. Die gesamte Malerei vollzieht sich von dunkel nach hell. Erst wird das Gesicht ockerfarben grundiert, die helleren Partien später gesetzt und behutsam mit dem Unterton verwischt. So schimmert eine Art Licht durch ihre Haut. Geist durch Materie. Bei der Ikonenmalerei, die sich nur natürlicher Pigmente bedient (in Eitempera aufgelöst seit dem 8. Jahrhundert, davor in Wachs) ist das bedeutungsvoll. Denn es geht hier um nichts Geringeres als die Fleischwer- dung Gottes. Die Ikone soll eine Art fühlbare Erscheinung des Allmächtigen sein. Deshalb wird um sie herum Blattgold eingesetzt. Es steht für das Jenseits und glitzert geheimnisvoll. 

Diesseits, wieder im Auto auf der Heimfahrt, gab es zur Stärkung von Gula profane Nahrung: Tschurtschchela. „Georgian Snickers“ nennt er es. Das sind Nüsse, an einer Schnur aufgefä- delt, wiederholt in Fruchtsaft getaucht und anschließend getrocknet. Sie sehen aus wie Kerzen und es gibt sie in den verschiedensten Farben und Geschmäckern. Wenn man wie ich zwei Wochen vom Kolorit Georgiens umgeben war, beginnt man auch die zeitgenössische Kunst hier besser zu begreifen. Zurück in Tiflis habe ich das Kunstmuseum besucht und diese Erkenntnis beim Betrachten der Bilder des berühmtesten georgischen Malers Niko Pirosmani gehabt. Und beim Anblick der Gemälde von Irakli Bugiani, eines Gegenwartskünstlers, der heute in Düsseldorf lebt. In beider Werken dominieren Töne wie Lasurblau, Granatapfelrot, Ocker und immer wieder Schwarz. Schwarz sieht man überall in Georgien. An frommen Kirchgängerinnen, als sanft auf ihren Haaren liegende Schleier. Und an jungen Leuten, die sich modern kleiden, Bob-Haarschnitt zu groben Schuhen tragen. Hipsters würde man hierzulande sagen. 

Zeitgenössische georgische Künstler - die Schamanen von heute

„Meine Performance ფუასია ტატასია (fuasia tatasia) basiert auf den Zaubersprüchen, die meine Großmutter an mir und meinen Geschwistern anwendete, wenn wir krank wurden – in einer der ältesten Sprachen Westgeorgiens, Mingrelisch."

Auch Uta Bekaia, jener junge Mann auf der Suche nach der Geschichte in Georgien, passt in diese Kleiderecke. Er trägt Bart und meist schwarz. Außer in seinen Performances, da schlüpft er in märchenhafte selbst designte Kostüme, die er bisweilen auch auf Steampunk-Paraden durch die Straßen der Stadt schickt. Er ist ein Verwandlungskünstler par excellence. Und in einer früheren Zeit wäre er „wohl Schamane gewesen“, erzählt er mir. Ich nehme zu ihm aus Deutschland Kontakt auf und erfahre: Bekaia riss mit 21 nach New York aus und habe dort erst begriffen, dass er schon immer durch die Stimmung des Kaukasus angeregt wurde und sie
als Künstler braucht. Noch in New York begann er deshalb, zu den Riten seiner Vorfahren zu recherchieren. Als er nur wenig herausgefunden hatte, kam ihm die Idee, eigene Kulte zu erfinden, die er mit dem, was er fand, verband. „Zum Beispiel meine Performance ფუასია ტატასია (fuasia tatasia). Sie basiert auf den Zaubersprüchen, die meine Großmutter an mir und meinen Geschwistern anwendete, wenn wir krank wurden – in einer der ältesten Sprachen Westgeorgiens, Mingrelisch. 

„Wir verloren uns völlig in uns selbst und in dem Moment.“

Eine andere Performance entfaltete ihr Potenzial erst in den Bergen, während einer Art Residency in der Villa-Garikula. Benannt hat Bekaia die Aktion nach Iliazd Zdanevich, einst einflussreicher Dadaist und Verleger. Nur wenige in Europa kennen ihn heute noch. Bekaia und seine Kollegen haben sich in den Bergen verschanzt und in Gedenken an Zdanevich dadaistisch-dionysisch ausgetobt. „Wir verloren uns völlig in uns selbst und in dem Moment.“ 

Im Kaukasus ist vieles möglich: Man findet hier Schamanen-Künstler, Berge mit menschlichen Zügen und – wie ich persönlich herausfand – Menschen mit zwei Seelen. Alles eine Frage des Settings?