Kunst. Werte. Leidenschaft.

Zwei Profis: Sammlerpaar Barbara und Axel Haubrok richtet seinen Fokus auf konzeptuelle Kunst von Martin Creed, Elmgreen & Dragset und Günther Förg 

Kunst und Beratung

Sammler Werden - DOs and DON'Ts

Eine Kunstsammlung aufzubauen, ist eine große Sache. Es erfordert Zeit, natürlich Geld und Menschenkenntnis. Berater können Hilfestellung geben, zumindest zu Beginn einer Kollektionisten-Karriere. Aber Vorsicht vor den Wölfen.

Wann ist man eigentlich ein Kunstsammler? Wie viele Werke muss man besitzen, und was unterscheidet eine Sammlung von einer Ansammlung? Der Status Sammler verlangt einem viele Entscheidungen und viel Verantwortung ab. Nicht nur ästhetische Fragen, auch kaufmännische und juristische gehören dazu: Wo sollen die Werke lagern, wie versichert sein, an wen verliehen und wie transportiert werden?

Alles im Alleingang zu managen kann anspruchsvoll sein. Und die Krux beginnt bereits da, wo die Freude am größten sein sollte: beim Kauf der Kunst. Welches Werk sollte es sein? Ist der Preis angemessen? Ist es die beste Arbeit des Künstlers? Auch wenn Erfahrene behaupten, sie verlassen sich ganz auf ihr Bauchgefühl (Frieder Burda) oder ihren scharfen Verstand (Axel Haubrok), die Wahrheit lautet: „Es ist für den Einsteiger schwierig, den Kunstmarkt zu durchschauen“, wie schon Deutschlands berühmtester und berüchtigster Kunstberater Helge Achenbach mal auf den Punkt gebracht hat.

Wie Kunstberater verdienen

Achenbach landete 2014 wegen Betrugs an dem Aldi-Nord-Gründer Theo Albrecht im Gefängnis. Gelungen ist ihm das Fälschen von Rechnungen, auch weil der Kunstmarkt so undurchsichtig ist. Und das Wissen um Kunst und deren Preise selten. Als Papst und Pionier des Art Consulting in Deutschland machte Achenbach mit seinem Knowhow und seinen Kontakten seit den 1970er-Jahren jährlich Millionenumsätze. Berater verlangen in der Regel eine Vermittlungsprovision von rund 15 Prozent des Verkaufspreises eines Kunstwerks.

Angefangen mit der Konzernhalle der Klöckner-Werke in Duisburg hat Achenbach bis zum Aus seiner Karriere etliche Unternehmen und Privatleute mit Kunst ausgestattet. Er begann damit, als es den Beruf des Art Consultants hierzulande noch nicht gab. Das hat sich inzwischen geändert: Sven Behrisch schrieb 2009 in einem Artikel der „Zeit“, es gebe rund 100 Kunstberater in Deutschland. Welchen sollte der Interessierte nun auswählen? Achenbach selbst riet in einem Interview: „Fragen Sie nach den Referenzen, also nach den Sammlungen, die der Berater aufgebaut hat.“

Wenn es so einfach wäre. Für Sammler Axel Haubrok ist das kein Gütesiegel. Er traut ohnehin keinem Kunstberater und gibt zu Bedenken: „Ein guter Galerist verkauft gute Kunst am liebsten an gute Sammler, noch lieber an eine gute öffentliche Sammlung.“ Consultants stünden in der Regel ganz hinten an, so der Wahlberliner, der seit 25 Jahren Kunst sammelt.

Wie Galeristen vorgehen

Man wird dem Skeptiker zum Teil recht geben müssen. In Gesprächen mit Galeristen bestätigt sich Haubroks Argumentation immer wieder. Viele Galeristen möchten die Werke der Künstler, die sie vertreten, im Idealfall im Museum sehen. Dann nämlich sind ihre Schützlinge im Olymp der Kunst angekommen. Ihr Ansehen steigt und der Moment ist reif, um die Preise der Kunstwerke anzuheben. Man nennt diese Strategie „Platzieren“. Vor allem große Galerien wie Thaddaeus Ropac, Eigen + Art oder Sprüth Magers wenden sie an. Doch es gibt laut einer Umfrage des Instituts für Strategieentwicklung (IFSE) 700 Galerien für Gegenwartskunst in Deutschland – und nur eine überschaubare Anzahl an Museen, mit noch überschaubareren Ankaufbudgets. Deshalb kann das Platzieren im Museum nicht die Regel sein.

Zurück zu Haubrok und seiner Solistenkarriere. Wir wollten es wissen: Wie wurde er nun Sammler, wenn nicht mithilfe von Beratern? Der ehemalige Unternehmensberater (er kommt also selbst vom Consultings) hat vor fünf Jahren einen alten 19 000-Quadratmeter-Gebäudekomplex in Berlin-Lichtenberg erworben, um dort seine inzwischen stark angewachsene Sammlung mit Fokus auf konzeptueller Kunst unterzubringen. Seine Antwort: „Man kann eigentlich nicht ,beschließen‘ zu sammeln. Man kauft Kunst, die man gut findet, und die wird im Lauf der Zeit vielleicht immer mehr.“ So findet Haubrok: „Sammeln fängt eigentlich dann an, wenn man nicht mehr alles in der Wohnung zeigen kann.“

Neben der Menge nennt der im westfälischen Bünde geborene 62-Jährige weitere Merkmale eines veritablen Sammlers: die Liebe zur Kunst, genug Zeit, um sich mit ihr auseinanderzusetzen, und das nötige Kleingeld. Haubrok zeichnet damit das klassische Profil nach. Nicht selten ist dieser klassische Typ Sammler Unternehmer, denn so kamen die meisten der Großen zu ihrem Vermögen: Harald Falckenberg (Tankstellenzubehör), Christian Boros (Werbeagentur), Reinhold Würth (Bautechnik) oder Robert Hiscox von der gleichnamigen Kunstversicherung. Letzterer hat seit den 1970er-Jahren ein beachtliches Volumen an Kunst angehäuft. Der eine Teil befindet sich in einem ehemaligen Farmgebäude in Südengland, das er zu einem Lager umbauen ließ. 600 Werke, unter anderem von John Baldessari, Chris Ofili und Cecily Brown, sind indes auf 30 Hiscox-Standorte verteilt. Sie gehören zur Unternehmenssammlung. Heute konzentriere man sich dort auf neue Talente, kaufe zu einem Zeitpunkt, an dem die Preise noch angemessen seien, sagt der hauseigene Kurator Whitney Hintz.

Nicht nur im Unternehmen lässt sich Kunst unterbringen. Ab einem gewissen Volumen und Wert der Werke lohnt sich deren Überführung in eine Foundation. 2007 ebnete die Bundesregierung den rechtlichen und steuerlichen Weg dorthin. Der Vorteil: Der Sammler kann mittels einer Stiftung Steuern sparen – aber nicht nur: Er kann Kuratoren engagieren, sich steuergünstig ein Museum bauen und verhindern, dass sein Schatz von desinteressierten Erben zerschlagen wird. Doch eines muss ihm auch klar sein: Er gibt seine wertvollen Stücke im Moment der Stiftungsgründung aus der Hand, nämlich an eine Einrichtung, die nicht mehr ihm allein untersteht.

Wertsteigernde Maßnahmen

Den rechtlichen Rahmen rund um dieses Großprojekt können für den Sammler Steuerberater, Anwälte, aber auch hier wieder die Art Consultants abtasten: Hinter ArtVocatum aus Hamburg etwa verbirgt sich das Duo Madeleine Schulz und Paul Bunten. Beide waren erst als Art-Insurance-Broker tätig und haben dann ihren Service auf das Management von Kunstsammlungen erweitert. Sie bieten Unterstützung etwa im Fall von geerbten Kunstbeständen, suchen nach geeigneten Restauratoren, Transportfirmen und nach weiteren Kunstwerken, die der Kunde gern besäße. Außerdem erstellt ArtVocatum Wertanalysen. Der Sammler verlasse schließlich „die Sphäre der Kunstliebhaberei, wenn im Kunstbesitz Werte gebunden sind, die eine sechsstellige Summe erreichen und wie bei vielen unserer Mandate im höheren siebenstelligen Bereich und darüber hinaus liegen“, erklärt Schulz. Interessant ist auch, dass die Hamburger Berater wertsteigernde Maßnahmen anwenden wollen: Etwa indem sie Kunstwerke der Öffentlichkeit vorstellen und versuchen, sie in den aktuellen allgemeinen Diskurs über die jeweilige Kunstrichtung einzubeziehen. Konkret bedeutet das: „Wir platzieren Kunstwerke gezielt in Ausstellungen und als Dauerleihgaben in Museen und begleiten die Publikation im Ausstellungskatalog sowie die Öffentlichkeitsarbeit.“

Ein Jahrzehnt investieren

Berater können viel Hilfestellung für den angehenden Sammler leisten, doch über Nacht machen auch sie aus einem Menschen, der einfach nur Geld besitzt und den Wunsch, es in Kunst zu veredeln, keinen Kollektionisten im tieferen Sinne. Es gilt Geduld zu bewahren, an den Aufgaben zu wachsen – auch wenn man sie abgibt – und, so rät ArtVocatum, nicht das gesamte Budget direkt zu verschleudern: „Wenn man eine Sammlung beginnt, sollte man sich zunächst in Preisbereichen bewegen, in denen eine spätere Umstrukturierung durch Wiederverkauf ohne große Risiken und Aufwand möglich ist.“ Der Grund: Geschmack und Interessen würden sich in aller Regel im weiteren Verlauf des Sammelns verändern. Außerdem ergebe es wenig Sinn, gleich mit museumswürdigen Einzelstücken zu beginnen. Man muss bisweilen mehrere Jahre warten, bis die Sahnestücke am Markt auftauchen. Einkauf und Engagement brauchen Zeit. Bis zu zehn Jahre, wie es Achenbach mal einschätze.

Sein Sohn ist mit dem der Firma „State of the Art – International Art Advisory“ jüngst in die väterlichen Fußstapfen getreten. Er wendet sich mit dem Spezialservice „Signature Collection“ vor allem an Sammler, die zehn Jahre lang jährlich 50 000 Euro in Kunst investieren wollen. Die Anfänger werden mit den Sitten am Markt bekannt gemacht und gezielt darin geschult, Kunst erstmal betrachten zu lernen.

 „Mir hat einmal ein Künstler erzählt, bevor man gute Gemälde von schlechten unterscheiden kann, sollte man mindestens 1000 Gemälde gesehen haben.“ Helge Achenbach

Zur Schule des Sehens zählen Besuche von Messen, in Ateliers, Galerien und Museen. Solche Termine gehören fast zu jedem guten Art Consulting. Doch nicht jeder Kunde hat die Zeit oder tatsächlich Freude an derartigen Streifzügen. Achenbach Junior bietet daher „eine Art Kompass für diejenigen an, die keine Zeit für ein persönliches Engagement haben“. Sie können dann selbst wählen, ob es vier Stunden pro Woche oder im Monat sein sollen, die mit dem Kunstprogramm gefüllt werden.

Sammler Haubrok warnt vor solch halbherzigem Ehrgeiz. Er gibt ein Beispiel: „Zuerst war es für mich nicht wichtig, die Künstler persönlich zu kennen. Als wir dann zwangsläufig doch welche kennenlernten, war die Enttäuschung häufig groß. Die eigene Interpretation und die Intention des Künstlers passten nicht zusammen. Deshalb ist es heute für mich entscheidend, den Künstler und vor allem sein Gesamtwerk zu kennen.“

Es gibt sie also, Sitten beim Sammeln. Eine weitere unter den Profis lautet: Möglichst nicht verkaufen! Sicher, nicht jeder weiß von Anbeginn, welches Konzept er verfolgen möchte: Ob er die Werke aus einer bestimmten Epoche (das tun die meisten), Technik („Collage“ wie bei Christiane zu Salm) oder Thematik („Money“ wie bei Stefan Haupt/ siehe auch Seite 27) zusammentragen wird. So oder so, Fehlgriffe darf man bereuen, verkaufen nicht - zumindest nicht zu oft. Dann nämlich lauert der Vorwurf der Spekulation. Und ein Profisammler orientiert sich am Museum. Er sieht sich als Bewahrer, nicht als Spekulant.

Ein ungeschützter Beruf

Auch Art Consultants müssen auf ihren Ruf achten. Ein delikates Thema sind eigene Kunstbestände. ArtVocatum gibt an, nur als Mittler zu Galeristen und Auktionshäusern zu agieren, kein eigenes Depot zu besitzen, mit dem versucht würde, Werke bei Kunden unterzubringen. Achenbach besaß so einiges an Kunst, jedoch meinte er dazu selbstbewußt: „Wir drehen unseren Kunden keine Werke an.“ Im Gegenteil: Die privaten Sammlungen, die er kauft, seien -exzellent. Sammler, Galeristen und Museumsleute stünden Schlange dafür.

Der Beruf des Kunstberaters ist nicht geschützt. Es gibt in Deutschland keine Verbände, die sich für die Leitlinien und Grundsätze, wie es in den USA der Fall ist, einsetzen. So kann jeder vorgehen, wie er möchte. Auch eine Checkliste gibt es nicht. Das erschwert die Suche nach dem richtigen Berater.

Banken haben versucht, das abzufedern und einen speziellen Service anzubieten. Schließlich hat jeder ein Bankkonto – und damit einen Ansprechpartner. Schön wär's. Die Berater in der Bank sind selten fit und firm auf dem Gebiet der Kunst. Eine Handvoll befragter Privatbanken in Deutschland vermittelt eher Kontakte, als dass sie selbst ihrem Kunden zur Seite steht.

Achenbach hat 2011 mit der Berenberg Bank eine Kooperation gestartet – und versagt. „Berenberg Art Advice war ein interessantes Experiment, allerdings musste es scheitern, weil die Bankberater vor Ort einfach nicht mit dem Thema Kunst vertraut sind.“