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Strategie zur Art Basel

Wie Sie über eine Kunstmesse flanieren ohne den Verstand zu verlieren

Eine Kunstmesse kann schnell überfordern. Man sieht viel Kunst auf wenig Raum. Nur wer sich einen Berater leisten kann, bekommt die Sahnestückchen persönlich präsentiert. Wir haben den Test gemacht, an der Seite eines Experten. Ein Spaziergang zum Nachahmen

Donnerstag, 14. Juni 2018. Ab heute strömen Kunstjunkies aus ganzer Welt ins beschauliche Basel - zu den alljährlich angesagtesten Kunstwerken. Die Messe „Art Basel“ ist ein Must-See - für die weltweit besten Sammler und solche, die es werden wollen. Nahezu 300 Galerien stellen ihre Waren aus: Man findet darunter Arbeiten aus der Klassischen Moderne, der Nachkriegskunst und aus unserer Gegenwart. Werke von rund 4000 Künstlern, wie es in der Pressemitteilung in diesem Jahr heißt, erwarten den Besucher. Richtig gelesen: Rund 4000 Künstler, vertreten von übrigens 300 Galerien, durch deren Kojen Sie durch müssen - oder können. Und Sie haben nur vier Tage Zeit. Wie soll einer da den Überblick behalten und überhaupt noch etwas sehen, etwas begreifen, das Richtige kaufen? Zumal die VIPs schon einen Tag vor der offiziellen Eröffnung und dem großen Ansturm zugeschlagen haben. Ich habe vor einiger Zeit den Test an der Seite eines Kunst-Couch gemacht. Ich habe mich in London auf der Kunstmesse Frieze, der wichtigsten Messe im Herbst, von einem Kunstberater an die Hand nehmen lassen, wie es sonst eher den Wohlhabenden in der Welt vergönnt ist. Mein Mann im Feld? Nennen wir ihn Jeff. 

Jeff, du begleitest Kunden auf Messen, um sie an Kunst heranzuführen. Wer sind diese Menschen?

Erfahrene Sammler, deren Sammlung ich weiterentwickele oder neu strukturiere, und Menschen, die in den Kunstmarkt einsteigen wollen. Menschen, die Kunst interessant finden, aber vielleicht noch nicht viel darüber wissen. Mit denen gehe ich dann über eine Messe oder schaue aktuelle Ausstellungen in Galerien und Museen an, um herauszufinden, was sie interessiert und was zu ihnen passt.

Wie findest du das heraus?

Wir haben da ein System entwickelt. Wenn man jemanden gar nicht kennt, geht man zum Beispiel erst einmal über diese Messe und schaut sich verschiedene Positionen an. Wie das Ganze verläuft, variiert oft – je nach Erfahrungen, die schon vorhanden sind. Und dann stelle ich immer wieder fest: Männer oder Frauen – da gibt es zum Teil sehr unterschiedliche Sichtweisen auf die Kunst.

Die Gender-Debatte, verstehe. Nun, du stehst jetzt mir gegenüber: Frau, Mitte 30. Sonst weißt du relativ wenig über mich. Kannst du da schon Kunstwerke ausschließen oder andere eher empfehlen?

Ja, das könnte ich, aber letztendlich weiß ich tatsächlich viel zu wenig über dich.

Das heißt, wir würden uns erst paar mal so treffen, etwa zum Lunch, ohne Kunst.

Zum Beispiel. Du würdest mir dann erzählen, wie du aufgewachsen bist, was du bisher schon an Kunst gesehen hast, was du in deiner Freizeit machst, wie du zu unserer heutigen Zeit stehst, welche Strömungen dich interessieren. Und ich würde fragen: Was sind deine Vorstellungen für die nächsten fünf bis zehn Jahre? Also in deinem Beispiel: Willst du irgendwann das berühmteste Kunstmagazin weltweit herausgeben? Und vor allem: Willst du Kunstwerke kaufen, die eher dekorativ sind oder Objekte, bei denen der Inhalt im Vordergrund steht.

Du baust eine Beziehung zum Kunden auf, analysierst wie ein Psychologe, ob dein Gegenüber, allgemein gesagt, eher rational oder emotional gestrickt ist. Klingt nicht, nach einer einmaligen Kaufberatung und fertig.

Richtig, es ist eher so: Für eine bestimmte Zeit geht man gemeinsam einen Weg. Die einmalige Kunstberatung bieten manche auch an. Da kommen oft Kunden, die von einem berühmten Künstler ein Werk erwerben wollen, dabei aber nicht wissen, welches das Richtige ist und ob der Preis stimmt. Die Kunstberater prüfen dann zum Beispiel die Authentizität, fordern Gutachten ein oder geben sie in Auftrag. Man arbeitet mit spezialisierten Laboren, fordert Röntgenuntersuchungen oder Pigmentanalysen an. Darüber hinaus prüft man mit Restauratoren den Zustand der Werke. Wenn ein Bild in New York oder Südamerika hängt, hat der gut vernetzte Kunstberater auch Kunsttakte vor Ort. Er kann einen Restaurator in der Nähe beauftragen, der einen Condition Report erstellt.

Klingt toll. Nur, ein Gutachten kann bis zu 7000 Euro kosten. Und du läufst sicher auch nicht umsonst und für unbegrenzte Zeit neben deinem Kunden her.  Um konkret zu werden: Was kostet ein Berater?

Das hängt letztendlich davon ab, wie hoch das Gesamtvolumen ist, das der Kunde bewegen möchte und welche Ziele er verfolgt. Wenn er mit mir eine Sammlung aufbauen möchte, zahlt er mir eine monatliche Vergütung, die je nach Volumen festgelegt wird. Damit ist die komplette Sammlungsbetreuung, die Verwaltung, Versicherung, der Transport der Werke usw. vergütet.

Also konkret, was kostet mich deine Beratung?

Bei einer Investitionssumme von 100 000 Euro liegt meine Ankaufsfee bei 12,5 Prozent. Ab einem Volumen von einer Million Euro liegt die Ankaufsfee nur noch bei 7,5 Prozent. Doch es kommt immer auf den individuellen Aufwand an. Wenn mein Team und ich uns um die Ausstellungsvorbereitung, Katalogerstellung, Logistik etc. kümmern sollen, wird das zusätzlich berechnet. Wie auch die einzelnen Expertisen, Materialanalysen. Das alles wird in einem entsprechenden Mandat festgelegt.

Heißt, bei den 12,5 Prozent Fee für ein Ankaufsvolumen von 100 000 Euro im Jahr wären nur die Kunstberatung und die Abwicklung des Ankaufs inbegriffen?

Richtig, sowie die Sammlungsanalyse, eine jährliche Bewertung der Werke und, falls gewünscht, auch die Kunstversicherung. Wichtig: Bei mir gibt es völlige Transparenz. Das heißt, dass ich die beim Ankauf erzielten Rabatte eins zu eins an den Kunden weitergebe. Da ich ein großes Netzwerk habe, bekomme ich immer sehr gute Preise.

Ok, soviel zu den Konditionen. Legen wir nun mal los. Ich sehe ein Werk von, vermutlich Anish Kapoor. Man erkennt seine Markenzeichen: Konkave Kreisform, blau schimmernde Farbe, in die man scheinbar hineinsteigen kann, wie in eine andere Welt. Obwohl ich die Arbeiten schon öfter gesehen habe, irgendwie spricht mich dieses Werk an. Würdest du mir zum Kauf raten?

Ich würde dich zunächst fragen: Was fasziniert dich an Anish Kapoor, wie viele Arbeiten hast du schon von ihm gesehen? Und dann prüfen, welche Werke des Künstlers im gesamten Kunstmarkt verfügbar sind. Dieses Werk muss ja vielleicht gar nicht das Beste des Künstlers sein.

Stimmt. Also keine Blitzkäufe. Würdest du mir denn Kapoor überhaupt heute noch empfehlen? Seine Sachen sind ja inzwischen nicht mehr ganz günstig.

Anish Kapoor ist ein international sehr gefragter Künstler, der in vielen Sammlungen und Ausstellungen vertreten ist. Außerdem sehe ich ihn durchaus als ein Talent, das in den nächsten Jahren noch für Überraschungen sorgen wird, zumal er als Inder auch die Internationalität im Kunstmarkt widerspiegelt.

Wirst du nicht auch gefragt, welche Arbeiten man kaufen sollte, um in absehbarer Zukunft handfeste Gewinne zu erzielen?

Oh doch! Das ist eine der am häufigsten gestellten Fragen. Da kann ich aber nur Tendenzen aufzeigen. Man kann ja nie mit Garantie sagen, welche weiteren Karriereschritte Künstler machen.. Außerdem: Ich finde, die junge Kunst soll den Menschen gefallen und sie sollen sich mit ihr auseinandersetzen. Reine Spekulanten, die zeitgenössische Kunst kaufen und nur auf Gewinn hoffen, müssen davon ausgehen, dass sie in der Regel nicht zum Ziel kommen. Erstens ist das sehr spekulativ und zweitens wird der Käufer dem Künstler überhaupt nicht gerecht. Beim Thema Kunstinvestition sollte man sich auf Künstler konzentrieren, die sich schon auf dem Kunstmarkt etabliert haben und das Ganze professionell als Sachwertanlage strukturieren lassen. Dafür gibt es übrigens spezielle Art Funds.

Gehen wir mal weiter. Ich sehe diesen Paul McCarthy. Angenommen ich wollte das Werk kaufen – wenn es nicht schon für satte 1,3 Millionen Dollar verkauft worden wäre, wie ich gestern las. Würdest du mich zum Galeristen begleiten, ins Gespräch einführen, mir sozusagen die Gepflogenheiten des Kunstmarkts offenbaren? 

Natürlich begleite ich dich zum Galeristen! Darum geht es ja. Ich will den Kunstmarkt für dich transparenter machen. Ich binde den Sammler gern ins Gespräch mit den Galeristen oder auch mit den Künstlern und Kuratoren ein. Aber es gibt auch Kunden, die unbedingt anonym bleiben wollen. Dann kaufe oder verkaufe ich treuhänderisch.

Eine Messe ist keine kuratierte Ausstellung, sondern eine Massenveranstaltung, die schnell überfordern kann. Eignet sich dieser Ort überhaupt, um Menschen an Kunst heranzuführen? 

Du hast Recht, eine Messe kann vollkommen überfordern, wenn man nicht geübt ist. Zu Beginn dieser Messe wollte ein Kunde von mir erst zwei Stunden allein hier herumlaufen. Er hat es nur eine halbe Stunde ausgehalten und mich dann sofort angerufen.

Ich habe dich jetzt schon an meiner Seite. Also: Wo führst du mich hin? Was sollte ich mir unbedingt hier ansehen?

Also, wo wir gerade hier stehen, lass uns zur Galerie Sprüth Magers gehen, da zeige ich dir ein Werk, auf das interessanterweise besonders Frauen zugehen. „Wow, was ist das für eine (in Anführungsstrichen) schöne Arbeit!“, hörte ich sie fast alle sagen. Und dann: „Was ist das eigentlich?“ Es handelt sich um ein sehr außergewöhnliches Werk von Rosemarie Trockel, die viel mit Oberflächen spielt.

... hat tatsächlich etwas Sinnliches, der glänzende Stahl, die wippenden Fransen. 

Genau, Frauen sagen, es hätte etwas Sinnliches.

Und Männer?

Die haben sich interessanterweise nicht dafür interessiert. Aber wenn wir gleich um die Ecke schauen, siehst du eine Leuchtschrift-Arbeit von Jenny Holzer, Konzeptkunst also. Das ist etwas, das Männer sofort anspricht.

Wegen der Technik und der kühlen Ästhetik?

Das kann auch sein. Aber konzeptuelle Kunst generell spricht Männer an. Das war auch an diesem Bild von Holzer hier links an der Wand so. Du siehst die schwarzen Balken auf weißem Papier? Holzer nennt die Serie „Top Secret“ und bezieht sich auf die geheimen Dokumente über WikiLeaks. Die Balken sind geschwärzte Passagen aus den Geheimdienst-Dokumenten.

Man braucht bei zeitgenössischer Kunst sehr oft eine Erklärung, um sie zu verstehen. Haben es effekthaschende Werke mit simplen Aussagen einfacher, da heutzutage auch weniger versierte Menschen Kunst kaufen?

Das kann man so nicht sagen. François Morellet hat einst gesagt: Kunst ist wie ein Picknick, bei dem jeder das isst, was er mitbringt. Viele steigen mit eher klassischen Werken ein und entwickeln sich dann weiter.

Wie wichtig ist der Inhalt in der zeitgenössischen Kunst? Die Aussage also.

Extrem wichtig! Jeder fragt, wie gut ein Werk in seiner Aussage ist. Gerade in der zeitgenössischen Kunst. Das ist auch einer der Gründe, warum einige Kunstwerke beispielsweise aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr so gefragt sind, weil eben die Inhalte heute nicht jeden ansprechen.

Haben die Menschen heute eine so große Sorge, dekorative Kunst zu besitzen? Sagen wir, weil Kunst auf den Besitzer zurückweist und ein bisschen auch als Aushängeschild dient? Und da will man nicht leer und oberflächlich daherkommen.

Vielleicht ja. Aber unsere Kunden wollen tatsächlich mehr über die Kunstwerke herausfinden, die sie kaufen wollen. Menschen wachsen mit der Kunst. Manche entwickeln sich mit der Zeit zu richtigen Kennern. Das ist das tolle an künstlerischen Arbeiten, sie inspirieren und bereichern. Das funktioniert aber nur, wenn die Arbeiten stark und sehr gut sind, wenn man sich an ihren reiben und sich mit ihnen wirklich auseinandersetzen kann.

Welches Werk erfüllt diese Kriterien? Zeig mir doch mal ein Beispiel von hier.

Dazu gehen wir in die Galerie Chantal Crousel. Eines noch vorab: Hinter guter Kunst steckt bekanntlich eine gute Idee. Viele Menschen glauben, Kunst hätte in erster Linie etwas mit Handwerk, also mit Kunstfertigkeit zu tun. Ich muss dann erklären, dass es seit der Renaissance doch längst um die Idee geht, nicht um die Umsetzung. So Einige sind noch heute erstaunt, wenn ein Künstler sein Werk gar nicht selbst gefertigt hat, wie z.B. Jeff Koons.

... oder schon Jahrhunderte vor ihm Rubens. 

Eben. Aber daran muss man die Menschen erinnern. Dann, mit der Zeit verstehen sie es, und werden offener. Jetzt sind wir da: dieses Werk von Danh Vo wollte ich dir zeigen. Da sind das Konzept bzw. die Idee sehr spannend. Danh Vo hat die Freiheitsstatue eins zu eins nachbauen lassen und sie dann zerlegt. Wir stehen jetzt vor so einem Fragment, das auch für sich eine Skulptur darstellt. Wenn man es erwirbt, erhält man ein Zertifikat, auf dem man genau sieht, von welcher Stelle der Statue das Stück stammt. Das Interessante daran ist: Der Künstler, Vietnamese, verteilt auf diese Weise den Freiheitsgedanken überall in der Welt.

Du sprachst vorhin von Inhalten in der zeitgenössischen Kunst, die den Puls der Zeit treffen sollen. Finden die Menschen das Thema Freiheit heute noch so brisant? 

Also gerade unsere Kunden aus dem Mittleren Osten oder aus Asien waren sehr davon angetan. Und auch bei uns kommt das Thema nicht aus der Mode.

Lass mich raten: Und die meisten Interessierten werden wohl sicher die bekanntesten, die wiedererkennbaren Fragmente der Statue kaufen wollen, oder?

Natürlich! Alle fragen nach der Nase und nach den Augen.

… die dann wohl auch teurer sind?

Nein, der Preis richtet sich allein nach der Größe. Dieses hier ist tatsächlich eines der kleineren Stücke. Es kostet 45 000 Euro.

Das ist stattlich. Danh Vo hat 2012 den Hugo Boss-Prize gewonnen. Achtest du bei der Wahl der Künstler besonders darauf, dass sie schon Ritterschläge der Kunstkritik erhalten haben? 

Sicher, und ich rege auch den Kunden an, das zu tun. Ausstellungen zu besuchen, Galerien, eben in den Kunstbetrieb einzusteigen. Und mit mir kann man sogar einen Künstler in seinem Schaffen begleiten, also ihn öfter besuchen, miterleben, was ihn bewegt. 

Führst du den Kunden auch ins Networking ein - also stellst Kontakte her zu Galeristen und so genannten Influencern? Und braucht der angehende Sammler dich dann überhaupt noch?

Ich führe ihn in alles ein. Ich möchte ja alles transparent machen. Und wenn mich der Kunde irgendwann nicht mehr braucht, dann habe ich meinen Job gut gemacht.

Letzte Frage: Was würdest du mir hier und heute zum Kauf empfehlen. Sagen wir im Preisbereich bis maximal 5000 Euro?

Im Preisbereich bis 5000 Euro würde ich einige kleinere Zeichnungen von Tracey Emin, Marcel Dzama oder Kris Martin empfehlen.

Danke für den Tipp. Gut getroffen übrigens: Kris Martin, der sich mit Endlichkeit und Zeit künstlerisch auseinandersetzt, finde ich  sehr ansprechend.