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Anke Doberauer (Photo: Ivan Baschang) 

Wie Malerei heute an der Akademie gelehrt wird

"Es fehlt der Widerstand"

Wir erleben heute Malereien in großem Maße in Reproduktionen. Nachteil: Großartige Gemälde schneiden dadurch schlechter ab als mittelmäßige. Warum? Kunstprofessorin Anke Doberauer gibt Antworten, einen Einblick in ihre Lehre und Ausblicke auf die Zukunft der Malerei

Während abstrakte Bilder unsere Zeit beherrschen, malt sie gerne Menschen, sehr oft auch Männer, sogar Politiker. Das Porträt des EU-Kommissars Günther Oettinger von Anke Doberauer hängt seit 2016 in der Galerie der Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg. Es zeigt den Politiker vor einem fröhlich-türkisen Hintergrund, adrett, fast zu perfekt. Wäre da nicht das Einschussloch in der linken Ecke des Bildes, das täuschend echt aussieht. Doberauer ist eben Profi. Sie versteht ihr Handwerk – und kann doch mehr als gut malen. Es geht in ihrer Malerei immer auch um eine Störung. Auch als Professorin für Malerei und Grafik an der Akademie in München will sie diese Werte weitergeben. Die 1962 in Bad Homburg geborene Künstlerin sieht sich aber nicht in der Rolle der Anpeitscherin. Die Akademie soll den Nachwuchs anregen, nicht nur Maltechniken zu erlernen, sondern auch als Künstler Stellung zu beziehen. Doberauers Einschussloch könnte vor diesem Hintergrund als kühne Anspielung auf Oettingers Kalaschnikoff-Schwäbisch gewertet werden.

Artcollector: Frau Doberauer, wer ist nach Ihren persönlichen Maßstäben der beste Maler unserer Zeit?

Anke Doberauer: Anke Doberauer natürlich. Sonst wäre ich in der Lehre ja gar nicht glaubwürdig! Aber ganz ohne falsche Bescheidenheit: Ich habe eine Menge Malerkollegen, die ich sehr schätze und teilweise auch bewundere. Am besten jedoch finde ich meine eigene Malerei, und dies selbstverständlich nicht nur nach meinen persönlichen, sondern auch nach meinen fachlichen Maßstäben. Meine Arbeit ist sowohl koloristisch als auch konzeptuell, sowohl sinnlich als auch reflektierend und kritisch. Mitte der 1980er-Jahre, als ich mit meiner Konzeption anfing, war abstrakte Malerei langweilig geworden: Mainstream. Ich habe also die Augen geöffnet und mich auf meine Umwelt eingelassen, kri- tisch, auch politisch – aber alles durch den Filter meines Gefühls und meiner Sensibilität. Farbe ist hierbei sehr wichtig. Nicht-abstrakte oder nicht-konkrete Malereipositionen, bei denen Farbe eine große Rolle spielt, kann man heute mit der Lupe suchen. Weibliche Maler, welche Männer darstellen, sind ebenso selten. Sicherlich ist meine Position singulär, aber dadurch eben auch einzigartig. Ich empfehle übrigens jeder angehenden Malerin ein wenig gesunde Selbstüberschätzung. Etwas höher zielen, um richtig zu treffen – so formulierte es schon der Schriftsteller Baltasar Gracián.

Wie lehren Sie Malerei an der Akade- mie? Lernen die Studenten Farben anmischen, Techniken wie Lasieren, Impasto, fett über mager, Alla prima, etc.? Oder legt die Akademie keinen Wert auf diese Art Lehre?

Die Akademie war seit ihrer Gründung die höchste Stufe der Ausbildung zum Künstler. Wer sich dort bewerben wollte, musste bereits eine Grundausbildung vorweisen können. Auch heute werden gewisse Kenntnisse vorausgesetzt, und wo sie nicht vorhanden sind, wird davon ausgegangen, dass der Student sich diese Kenntnisse erwirbt. Für die Maltechnik haben wir in Kathrin Kinseher, der Leiterin unserer Maltechnikwerkstatt, eine ausgezeichnet qualifizierte Lehrerin. Auch außerhalb ihrer Kurse ist sie immer ansprechbar für spezielle maltechnische Probleme. Da die Lehre an deutschen Akademien individuell an den jeweiligen Lehrerpersönlichkeiten orientiert ist, lehrt jede Malereiprofessorin und jeder Malereiprofessor seine Studenten so, wie es ihr oder ihm angemessen erscheint für das, was sie oder er zu vermitteln hat. Das Studium kann sich also sehr verschieden gestalten. Ich selbst mache beispielsweise mit meinen Anfängerstudenten jedes Jahr einen Einführungsworkshop in das Thema Farbe. Maltechnische Fragen werden in den Klassenbesprechungen ebenso erörtert wie allgemein formale oder künstlerische Fragen.

Was bedeutet für Sie Malerei im klassischen und im weitesten Sinne? Malerisch kann schließlich auch als eine Eigenschaft verstanden werden, etwa einer Fotografie ... Oder noch anders gedacht: Definiert bereits der Malakt ein Bild als Malerei? Dann würde es genügen, man benutzt Kot oder Schokolade. Ist das bei Ihnen auch erlaubt? Und was sagt es über die Qualität eines Bildes aus?

Bei mir ist alles „erlaubt”, aber ich finde natürlich nicht alles gut. Pauschal kann ich jetzt nicht beantworten, ob ein mit Schokolade oder Exkrementen gemaltes Bild Malerei und eventuell als solche qualitätvoll sein könnte. Es kommt dabei sowohl auf das jeweilige Konzept an als auch natürlich auf das Ergebnis. Malerei bedeutet für mich jedoch auf jeden Fall eine haptische Erfahrung. Was man auf dem Computer mit Malprogrammen oder sogar Photoshop machen kann, könnte man im Grunde genommen ebenfalls als Malerei bezeichnen – in vielem ist es der Malerei ähnlich. Aber es fehlt eben der sinnliche Kontakt mit dem Material, es fehlt der sinnliche Reiz der Oberfläche, und es fehlt der körperliche Widerstand der Leinwand, welche eine ganz bestimmte Größe und Präsenz hat und welche nicht, wie in den neuen Medien, wie Gummi größer oder kleiner gezogen werden kann. Auch ist Malerei nur in den seltensten Fällen, etwa bei Kirchenfenstern, hinterleuchtet wie ein Computerbildschirm. Für mich hat Malerei also immer etwas mit dem Haptischen zu tun, und auch mit der Hand, mit der Geste. Man muss diese nicht unbedingt sehen. Aber ein Computerausdruck auf Leinwand, so täuschend ähnlich er einem Gemälde sein kann, bleibt ein mechanisch erstellter Computerausdruck, selbst wenn die Datei mit Photoshop stark retuschiert war. Die Kategorien „malerisch“ oder „linear“ dagegen stammen aus der Kunstgeschichte, genauer gesagt von Heinrich Wölfflin, und bezeichnen ein Denkgerüst, mithilfe dessen man Kunststile epochenübergreifend besser miteinander vergleichen kann. Mit der Frage nach der Malerei hat dieses Vokabular zunächst nichts zu tun. Viel interessanter jedoch als die Frage, was Malerei ist und was nicht, ist für mich die Frage, wodurch man gute Malerei von schlechter unterscheiden kann. Hier habe ich die Feststellung gemacht, dass gute Malerei die fatale Eigenschaft hat, in der fotografischen Reproduktion zu verlieren, sodass die eigentliche Qualität der Malerei gar nicht mehr wahrgenommen werden kann. Schlechte oder mittelmäßige Malerei jedoch sieht in Reproduk- tionen regelmäßig besser aus. Dies kommt daher, dass die stark verklei- nerte Reproduktion Ungeschicklichkeiten der Malerei kaschiert, in ihr aber die besondere malerische Qualität eines Pinselstrichs verloren geht. Die einheitliche Oberfläche der Reproduktion kommt dabei schwächeren Werken zugute. Die Farben werden vergröbert wiedergegeben, und gerade subtile Farbklänge sind kaum noch reproduzierbar, weil hierzu viel teure Handbearbeitung nötig wäre. Werke, in denen die Farbe eher illustrativ eingesetzt wird, haben es hier leichter als koloristische Meisterleistungen. Da der Größenbezug bei der Reproduktion fehlt, kommt in ihr die besondere physische Präsenz einer Arbeit nicht zum Tragen. Die Reproduktion bedeutet eine Privilegierung dessen, was darge- stellt ist, dem „Image“, zu Ungunsten der Art und Weise, wie etwas dargestellt wird – also der Malerei an sich. Da wir heute Malerei in großem Maße nur noch in Reproduktionen erleben – Internetmessen etwa sind auf dem Vormarsch – kann der Käufer fast nur noch nach dem „Namen“ auswählen. Auf den Abbildungen von Malerei ist das Wesentliche nicht zu sehen.

Der Mensch passt sich den Verände- rungen an. Wird es die Malerei in 100 Jahren in der Kunst und an Akademi- en überhaupt noch geben? Oder ist sie vom Aussterben bedroht? Schon heute bezeichnen sich die wenigsten Künstler als Maler, ferner ist bei der Angabe zur Technik vieler Werke immer öfter zu lesen „mixed media“.

Möglicherweise wird eine Art des fotografischen Realismus aussterben, weil dieser mittlerweile viel zu einfach durch Computerausdrucke in höchster Qualität ersetzt werden kann – oder durch leicht überarbeitete Computer- ausdrucke, wie dies bereits weithin gehandhabt wird. Aber die steinzeitliche Geste der menschlichen Hand, die mit einem Kohlestück oder anderen einfachsten Hilfsmitteln ganz direkt auf jedem beliebigen Bildträger mittels absoluter No-Tec etwas auszudrücken vermag, wird sicherlich noch an Bedeutung gewinnen. Das Interessante an der malerischen Geste ist, dass sie von der Malerin oder dem Maler ohne jegliche Redundanz direkt aus ihrem oder seinem Inneren auf einen Bildträger übertragen wird: Nichts muss, wie bei einem Foto, wegretuschiert werden. Alles was zu sehen ist, verdankt sich einem individuellen Akt der Malerei und ist eine konkrete Setzung, ein Statement. Und transportiert Gefühl. Das Gefühl kommt bislang noch nicht aus den Maschinen. Da kann man sich auf den Kopf stellen. Deshalb wird es vermutlich so lange Malerei geben, wie es menschliche Wesen mit Gefühlen gibt.

Wie könnten Malereien in 100 Jahren aussehen? Etwa mit anderen Malfarben oder -mitteln hergestellt? Oder auf anderen Malträgern? Spinnen Sie mal herum!

Immer haben Menschen mit dem gemalt, was sie zur Verfügung hatten. Hauptsache es pappt irgendwie. Die Maltechnik, so wie sie über Jahrhunderte entwickelt wurde, ist nur noch wenigen skurrilen Einzelgängern im Detail bekannt. Und zeitgenössische Gemälde sind bekannt dafür, dass sie oft nicht lange halten. 100 Jahre sind nun aber keine extrem lange Zeit, so viel wird sich wohl nicht ändern. Die Farbenindustrie macht übrigens große Fortschritte: Heute gibt es billige Pigmente von einer Reinheit, Farbstärke und Lichtechtheit, von denen frühere Generationen nur träumen konnten. Dazu Tagesleucht- farben, irisierende Farben, Glitter und natürlich Sprayfarben. Dafür sind bestimmte traditionelle und ganz besonders qualitätvolle Produkte immer schwerer erhältlich, da die Nachfrage zu gering ist. Die Malerinnen und Maler müssen sich anpassen, mit dem Material arbeiten, welches sie bekommen können und, wie seit der Steinzeit, erfinderisch sein. Die Leinwand als Bildträger ist, gemessen an der Länge der Geschichte der Malerei, übrigens eine eher junge Erfindung. Sollten sich künftig andere Bildträger als praktisch erweisen, wird man sie sicherlich ebenfalls nutzen, etwa Alu-Dibond, welches sich für Fotos schon lange durchgesetzt hat, oder irgendwelche Plastikmaterialien. Recycling wird sicherlich ein Thema werden. All die großformatigen Fotoarbeiten der 1980er-Jahre etwa werden irgendwann ihre Halbwertzeit erreichen – man sprach von maximal 80 Jahren. Danach werden die Erben der Sammler sie wegwerfen oder Malern schenken, welche sie ressourcenschonend übermalen. Ich selbst übrigens würde für das aufblasbare Gemälde plädieren, da es enorme Transport- und Lagerkosten sparen würde. ■