Kunst. Werte. Leidenschaft.

70 Jahre CoBrA

Freiheit spüren und zubeißen

Der Namensanklang an die beißende Schlange ist Programm: Ästhetischen Varianten der abstrakten Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg wie etwa dem Informell setzten die CoBrA-Künstler eine aggressive, primitive, auch satirische Bildsprache entgegen. DIE GALERIE in Frankfurt zeigt derzeit einige großartige Werke jener Maler um Asger Jorn sowie von Jacqueline De Jong, seine damalige Lebensgefährtin

In einer Schwebelage zwischen zerstörerischer Abstraktion, maskenhafter Gegenständlichkeit und ornamentaler Malerei schufen die CoBrA-Künstler nach 1945 eine neue Kunst. Es waren Bilder, die mit ihrer Spontanität den akademischen Gesetzen davon galoppierten - und einige Betrachter mit angstgeweiteten Augen zurückließen. CoBrA, das war eine wütende Malerei, die allerdings nicht bedrohen, sondern befreien wollte - von zu viel Kopfarbeit, vom Verstand. 1950 schrieb Asger Jorn  an den Kollegen Constant: "Man kann zur Wahrheit nur gelangen, indem man seine Vorstellungskraft einsetzt, um die unglaublichsten Bilder zu malen (…), aber man muss eine Bildsprache wie jene der alten amerikanischen Indianer, der Wikinger und der primitiven Völker verwenden (…)“… Auf den Punkt bringt diese Idee auch ein Befund von Constant: „Ein Gemälde ist nicht ein Bauwerk aus Farben und Linien, sondern ein Tier, eine Nacht, ein Schrei, ein Mensch, oder dies alles zusammen". Constant (Nieuwenhuys) fand treffende Worte, doch eine überragende Position in der Gruppe nahm der Däne Asger Jorn ein. Ein Künstler, der menschlich ein Ungetüm war und malerisch zur dunklen Seite eines Munch und Nolde sowie zu den Fabelwesen des Nordens tendierte. Nicht umsonst bevölkern Trolle und Gnome, die sich wie in Farbe zu zersetzen beginnen, seine kompromisslos gestisch gemalten Bilder. Aber auch die surrealistischen Figuren eines Max Ernst und Paul Klee klingen in den Liniengeflechten an. Jorn blickte zurück und besaß zeitgleich visionärere Fähigkeiten: Seine Vorstellungskraft und seine Persönlichkeit waren es, die ihn den anderen Mitgliedern der Gruppe CoBrA künstlerisch weit vorauseilen und schneller das überwinden ließen, was zuvor in der Malerei existiert hatte: Kubismus (Frankreich), Futurismus (Italien), Expressionismus (Deutschland). Jorn war zudem unbeugsam, furchtlos und kompromisslos gegenüber dem Betrachter und dem Markt. Oder auch: gegenüber dem unverfänglich Schönen. Der ästhetischen Variante in der abstrakten Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg (etwa dem Informell) setzte er eine aggressiv-satirische Bildsprache entgegen. DIE GALERIE in Frankfurt zeit derzeit einige seiner Bilder ebenso wie die seiner Mitstreiter. Zur Vernissage der Ausstellung war Jorns Lebensgefährtin Jacqueline De Jong anwesend. Auch einige ihrer Arbeiten sind noch bis 3. November 2018 in Frankfurt zu sehen (und auch später noch zu käuflich erwerben - auf Anfrage). War de Jong denn nicht nur die Frau an der Seite eines großen Kunsterneuerers, sondern selbst eine großartige Kunstschaffende. Warum auch ihr Werk in der Gruppenschau seine Berechtigung hat und welchen Stellen- und Marktwert die späteren Arbeiten Jorns und seiner Brüder im Geiste besitzen, lesen Sie in diesem Interview.

 

CoBrA entstand aus dem Verlangen, die herkömmliche Kunst, die nach dem Zweiten Weltkrieg am Ende war, aufzurütteln, durchzuschütteln, neu zu definieren. An den Expressionismus oder Surrealismus der Vorkriegsjahrzehnte anzuknüpfen, schien unmöglich, auch wenn von diesen Epochen mächtige Impulse der Erneuerung ausgegangen waren. Entstand CoBrA wirklich so völlig aus dem Nichts wie man liest? 

Natürlich formierte sich die Gruppe nicht über Nacht, tatsächlich ist auch der Gründungstag, der 8. November 1948, in der Forschung umstritten. Man geht davon aus, dass sich die Gründung noch bis zum Ende des Jahres hinzog. Zudem ist eine internationale Gruppe wie die CoBrA natürlich nicht einfach da. Die Künstler engagierten sich bereits vorher auf nationaler Ebene in unterschiedlichen Künstlergruppen wie der niederländischen Experimentele Groep oder der Gruppe Høst in Dänemark. Was fehlte war bis dato der internationale Austausch. Die Situation nach dem Krieg gab nun dafür aber eine gewisse gemeinsame Basis, nämlich den Wunsch, sich von den bestehenden Verhältnissen, der Armut, wie sie viele der Künstler erlebten, den bestehenden akademischen Grundsätzen und auch dem damals noch alles beherrschenden Surrealismus loszusagen. Es war an der Zeit, sich zusammenzuschließen und einen Neustart zu wagen.

Ein neuer Blick führte die Pinsel der CoBrA-Künstler. Wild und experimentell malten sie, kindlich und unbefangen. Wie unterscheiden Sie innerhalb dieses Kunst gute von schlechten Bildern? 

Der Vorteil für uns ist, dass wir das Gesamtwerk des Künstlers beurteilen können. Viele Künstler der CoBrA arbeiteten sehr heterogen, wechselten ihren Stil im Laufe Ihres Lebens, denken wir nur an Corneille, der in den 1950er Jahren noch abstrakt malte und eher in dunkleren Farbwelten zu Hause war, im Spätwerk immer figürlicher und in fröhlich bunten Farben arbeitete. Was uns interessiert sind nicht allein die drei Jahre Schaffenszeit während des Bestehens der CoBrA, auch die Entwicklung der Künstler darüber hinaus und auch davor ist für uns spannend. Aus heutiger Sicht lassen sich deutlich gute von qualitativ weniger guten Phasen unterscheiden. Und Qualitätsfragen stellen sich im Oeuvre eines jeden Künstlers: Bei der Suche nach einer neuen, originären Bildsprache mag es zunächst Anklänge an Vorbilder geben, gewisse Unsicherheiten, aber auch spürbare Freiheit, dann immer größere Souveränität und Reife, die nicht nachlassen und sich verhärten, reproduzieren sollte.

Der Namensanklang an die beißende Schlange ist Programm bei diesen Künstlern. Aber können ihre Werke heute noch so bissig und kontrovers verstanden werden? Oder ist diese Malerei längst Kanon geworden, vielleicht sogar konventionell gar langweilig, verglichen mit dem, was in der zeitgenössischen Kunst sonst alles geschieht?

Die Kunst muss zunächst natürlich immer in ihrer Zeit gesehen werden. Damals war, was CoBrA machte, revolutionär. Die Bildsprache der CoBrA im Sinne einer Rückbesinnung auf den Primitivismus der Moderne, kindliche Zeichnungen, Bildmittel der Folklore oder die als naiv angenommene Kunst indigener Völker wurde zunächst ganz und gar abgelehnt, verrissen und kritisiert. Einzelne Werke wurden vernichtet bzw. deren Präsentation untersagt. Es dauerte jedoch gar nicht lange, bis man sich der Qualität dessen, was da entstand und einschlug, wie eine Bombe, bewusster wurde. Noch heute, kann man den Mut, den die Künstler aufbrachten, in einer Notsituation wie ihrer, nicht marktgerecht zu arbeiten, sondern ihren eigenen Weg zu gehen, nur bewundern.

Zu Ihrer Ausstellung: Nach welchen Kriterien haben Sie die Auswahl der Werke getroffen?

Uns war es wichtig, nicht nur Werke der bekanntesten CoBrA-Künstler wie Karel Appel, Asger Jorn, Pierre Alechinsky oder Corneille zu präsentieren, sondern uns in dieser Ausstellung auch Künstlern zu widmen, die später zur Gruppe hinzukamen. Einige unter Ihnen sind in den letzten Jahren wenig gezeigt worden, wie Jean Raine oder Jean-Michel Atlan. Beides sind sehr aufregende Künstler, die einen Stellenwert innerhalb der Bewegung und die Würdigung verdient haben. Eine Besonderheit der Ausstellung ist, dass wir mit Jacqueline de Jong auch eine Künstlerin präsentieren, die nicht der CoBrA-Gruppe angehörte, jedoch durch Ihre Liebesbeziehung zu Asger Jorn diesen beeinflusste und natürlich in ihrem Schaffen ebenfalls beeinflusst wurde. Wir haben Werke aus der Zeit ihrer Liaison einander gegenübergestellt, die dies sehr deutlich zeigen. Zudem ist 2016 auch ein Künstlerbuch über Ihre Beziehung entstanden, das anhand von Faksimile der Korrespondenzen, z. T. auf winzigen Papierschnipseln, die Liebe und gegenseitige Beeinflussung rekapituliert. Eine wunderbar humorvolle Arbeit ist das!

Geben Sie bitte eine ungefähre Price Range der Werke an, die zum Verkauf stehen.

Wir zeigen von Grafik über Papierarbeiten und Malerei eine große Bandbreite an Werken. Die Preise reichen von 2.200 Euro für Graphiken Asger Jorns aus dem Jahr 1959 bis hin zu 450.000 Euro für ein museales und sehr komplexes Gemälde von Karel Appel aus dem Gründungsjahr der Gruppe.

Im Jahr 2017 zeigten Sie bereits Werke der CoBrA-Künstler Carl-Henning Pedersen und Lucebert in einer Ausstellung. Welchen Einfluss hatte diese Schau auf den Markt und das Ansehen der Künstler seitdem? Hat die Nachfrage zugenommen, etwa für Arbeiten aus späteren Schaffensperioden?

Unsere Arbeit ist immer eine langfristige. Wir verstehen sie immer auch ein wenig als Pionierleistung und widmen uns bei weitem nicht nur den arrivierten oder angesagten Positionen. Gerade Carl-Henning Pedersen und Lucebert hatten innerhalb der Künstlergruppe eine konträre und gerade deshalb wesentliche Bedeutung. Auf dem Markt sind sie unterbewertet, wir freuen uns aber, durchaus Bewegung und zunehmendes Interesse festzustellen. Auch freuen wir uns sehr, dass es uns gelungen ist, einige ihrer Arbeiten, auch späte,  in angesehenen Sammlungen untergebracht zu haben.

Die Galerie pflegt Kontakt zu den Familien der Künstler Carl-Henning Pedersen und Lucebert. Was bewegte diese dazu, sich von den Werken zu trennen? Wie konnten Sie diese Familien und andere überzeugen?

Unser Galerist Peter Femfert kannte zahlreiche Künstler der CoBrA-Gruppe persönlich, war befreundet mit Corneille und Karl Otto Götz und traf Karel Appel gelegentlich. Auch heute noch besucht er Pierre Alechinsky, das einzige noch lebende Mitglied der Gruppe, regelmäßig in seinem Atelier in der Nähe von Paris. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass DIE GALERIE nach dem Tod der Künstler auch weiterhin eng mit den Nachlässen und Familien der Künstler zusammenarbeitet. Das gilt im Übrigen auch für andere Künstler aus unserem Galerieprogramm wie den Surrealisten Max Ernst oder André Masson.
Natürlich fällt es den Erben nicht immer leicht, sich von Werken der Künstler zu trennen, dennoch bietet eine Ausstellung der Werke nicht nur finanzielle Anreize für die Familie. Sie bietet auch die Möglichkeit, das Werk lebendig, den Künstler im Markt etabliert zu halten, seinen Stellenwert zu behaupten und zu stärken. Wir arbeiten da ganz im Sinne des Künstlers auch über dessen Tod hinaus. Unser Engagement für die Gruppe CoBrA ist groß, wir alle sind fest davon überzeugt, dass ihr Schaffen einzigartig und von größter Bedeutung in der Kunstgeschichte ist, davon zeugen auch die zahlreichen Rezeptionen in späteren Künstlergenerationen bis heute. Das spüren die Familien und Erben natürlich auch. Unsere Arbeit fußt in dieser Hinsicht ganz entscheidend auf gegenseitigem Vertrauen.

In 2018 stammen die wenigsten der ausgestellten Bilder aus der Frühzeit der Künstler. Die meisten entstanden in den 70er und 80er Jahren. Sind Werke dieser Jahrzehnte im Begriff, eine (kunsthistorische und markt-immanente) Aufwertung zu erfahren?

Für unsere Ausstellung haben wir versucht, eine große Bandbreite zu zeigen. Es ist interessant zu sehen, wie sich die Künstler auch über die Zeit der CoBrA hinaus entwickelten. In den drei Jahren des Bestehens von 1948-1951 beteiligten sich mehr als 50 Künstler. Wir dürfen nicht vergessen, dass darunter auch viele Künstler waren, die in anderen Gattungen als der Malerei arbeiteten. Einige von Ihnen engagierten sich z. B. fast ausschließlich mit Texten, die in der gleichnamigen Zeitschrift erschienen und das Gedankengut der Gruppe zum Ausdruck brachten. Lucebert war zunächst ein angesehener Lyriker und fand viel später autodidaktisch zur Malerei. Die Einflüsse der CoBrA-Zeit haben dazu beigetragen, dass er ein erfolgreicher und international anerkannter Künstler wurde. Auch Jean Raine, ein Künstler, den wir zum ersten Mal in einer CoBrA-Ausstellung präsentieren, war ursprünglich mit Videoarbeiten an der letzten Ausstellung der Gruppe in Lüttich beteiligt. Auch er fand erst später zur Malerei. Die Werke, die dann entstanden sind umwerfend stark, emotional und nicht weniger prägend. Es wäre nicht richtig, die Qualität nur am Entstehungszeitpunkt festzumachen. Der Einfluss, den CoBrA bei den Künstlers hinterließ, dauerte an und macht die Bilder der späteren Jahre für uns ebenso interessant. Dieses Interesse teilen wir in der Tat auch mit unserem Publikum.

HINWEIS: FINISSAGE am Samstag, den 3. November 2018, um 11 Uhr
DIE GALERIE , Grüneburgweg 123, 60323 Frankfurt am Main

Peter Femfert lädt sehr herzlich zur Finissage der Ausstellung 70 Jahre CoBrA in DIE GALERIE in Frankfurt ein und führt Sie anhand persönlicher Anekdoten durch die CoBrA-Ausstellung. Nutzen Sie den letzten Tag der Ausstellung. Teilnahme an der Finissage nur nach vorheriger Anmeldung per E-mail oder Telefon

Der CoBrA-Künstler Pierre Alechinsky (*1927) erhielt am 23. Oktober 2018 den japanischen Kulturpreis Praemium Imperiale in Tokio für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Kunst und Kultur. Bereits in den Jahren 2016 und 2017 wurden ihm zwei große Retrospektiven in Tokio und Osaka gewidmet, um den 150. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Belgien und Japan zu feiern. Er ist der erste belgische und französische Preisträger des Praemium Imperiale