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100 Jahre Bauhaus

Schöne, klassenlose Welt

Nur sieben Jahre existierte das Bauhaus, bevor die Nazis ihm den Garaus machten. Doch seine Ideen verbreiteten sich über die ganze Welt. Ab Februar werden zahlreiche Ausstellungen an den Aufbruch in die Moderne vor 100 Jahren erinnern - und daran, dass viele Kopien von heute auf einem Missverständnis beruhen

Nicht nur der Krieg kann Städte verwüsten. Auch der Frieden schafft es. Die scheußlichen Wohnblocks in Nowa Huta oder Düsseldorf seien der Beweis dafür, schreibt der Lyriker Adam Zagajewski. Er hat recht. Doch Wohnblock ist nicht gleich Wohnblock. Es gab Denker in der Geschichte des Bauens, die sich mit Hingabe dem Wohnblock und dem Wohnhaus widmeten, Architekten, die für den kleinen menschlichen Alltag etwas schufen. So wie die Gründer und Mitglieder der Architektur- und Designschule Bauhaus.

In diesem Jahr feiert die Bewegung ihr 100-jähriges Jubiläum. In der von Walter Gropius 1919 in Weimar gegründeten Schule vereinten sich Architekten, Künstler, Handwerker und Gestalter. Ihre Ideale lauteten schlichte Eleganz, menschenwürdiges Wohnen und mehr Demokratie. Ihre Bauten waren lichtdurchflutet, die Innenräume durchdacht eingerichtet, die Objekte bewusst hergestellt.

In Weimar und Dessau entstanden diese neuartigen Bauten. Gesamtkunstwerke, in denen alles, vom Löffel bis zum Außenputz, aus den Werkstätten der Bauhaus-Bewegung stammte. Im Zweiten Weltkrieg sollte ein großer Teil zerstört werden.

Eine zielgerichtete Zerstörung begann allerdings noch in Friedenszeiten, als sich die nationalsozialistische Ideologie in Thüringen breitmachte. Von Weimar siedelten die Bauhaus-Mitglieder erst nach Dessau um, später nach Berlin. In allen drei Städten haben sie bis heute Spuren hinterlassen.

In Weimar wirkten sie von 1919 bis 1925 – heute stehen dort die Bauhaus Universität und das Musterhaus „Am Horn“ –, in Dessau von 1925 bis 1933, dort thronen die berühmten „Meisterhäuser“ sowie das Hauptgebäude der Bauhaus-Stiftung, in Berlin von 1932 bis 1933, daran erinnert nur noch das Bauhaus-Archiv.

In der Hauptstadt sollte es aufgrund der NS-Repressalien zu keiner Bautätigkeit mehr kommen. Stattdessen zum Ende der Bauhaus-Ära – in Deutschland. Manche Mitglieder emigrierten und trugen die Moderne mit sich, Gründer Walter Gropius und ein Ludwig Mies van der Rohe bis in die USA.

Hätte es noch mehr Bauhaus-Bauten geben können in Deutschland, so die Geschichte anders verlaufen wäre? Vielleicht hätte das sogar die scheußlichsten Wohnblocks vermieden. Stellen Sie sich das vor: überall gradlinig-schöne Häuser aus Glas und schneeweiß getünchten Außenwänden – ob in der Villensiedlung oder im Arbeiterviertel.

Hätte, wäre. Fakt ist, die Nazis mochten keine moderne offene Architektur. Der braunen Macht war das Bauhaus zu dekadent und zu links. Nur sieben Jahre hat die avantgardistische Gemeinschaft deshalb existiert. In diesen sieben Jahren wurden jedoch derart fortschrittliche Konzepte entwickelt für die Art und Weise, wie wir leben könnten, dass diese bis heute auf der ganzen Welt Wertschätzung finden.

Sachlich-schöne, klassenlose Welt

Noch Ende des 19. Jahrhunderts glaubte man an Genies, die im Elysium nach Ideen greifen, einer göttlichen Eingebung folgend. Mit dem Bauhaus kam eine Kehrtwende. Walter Gropius machte auf die soziale Funktion von Kunst und die gesellschaftliche Verantwortung der Künstler aufmerksam. Seinen Überzeugungen folgten bald andere, die aus dem exklusiven Außenseitersein tretend in Weimar wie Wissenschaftler zu ästhetischen, sozialen und mathematischen Fragen forschten – für eine sachlich-schöne Welt und eine klassenlose Gesellschaft.

Ihre Ideen waren auch auf die eine oder andere Art politisch. Bis auf wenige Ausnahmen gingen die Bauhaus-Mitglieder jedoch weder in die Politik noch auf die Barrikaden.  Und ebenso wenig wie die Nazis haben die Kommunisten ihre komplexen Gedankengebäude verstanden. Sonst hätte die DDR-Regierung kein Einfamilienhaus mit Satteldach dort errichten lassen, wo einst in Dessau ein Meisterhaus von Gropius gestanden hatte, welches in den letzten Tagen
des Zweiten Weltkriegs einem Bombenangriff zum Opfer fiel.

Das Bauhaus verschmähte das Satteldach. Es liebte flache Bedachungen. Und die Frage nach dem Dach war seinerzeit keine Petitesse, sie war gravitätisch, zerlegte die Welt in zwei Teile: in die avantgardistischen und die konservativen Architekturschulen.

Die heutige Stiftung Bauhaus will keine Weltenteilung, keine Konfrontation. Letztes Jahr hat sie ein Konzert der linken Band Feine Sahne Fischfilet abgesagt. Die Band sollte am 6. November in der Sendung „ZDF@Bauhaus“ in Dessau auftreten. Die Stiftung Bauhaus machte von ihrem Hausrecht Gebrauch: Man wolle kein Austragungsort politischer Agitation und Aggression werden.

Gleichwohl wird es im Rahmen der Veranstaltungen zum Bauhaus-Jubiläum eine offene Debatte über Themen wie Sozialwohnungen, Produktionsverhältnisse und ästhetische Konzepte geben. Denn aufs Geratewohl mehr Wohnraum in die Landschaft zu stellen, um das Problem der Wohnungsknappheit zu lösen, bringt zwar kurzfristig die gewünschte Lösung, langfristig aber Verwüstung durch scheußliche Blocks.

Die Stiftung sollte zudem zu einem neuen Blick auf unsere Gesellschaft, Häuser, Möbel verhelfen. Wofür geben wir eigentlich unser Geld aus, zahlen wir Miete? In immer mehr Städten finden sich neuartige „Concept Stores“, Läden, in denen manche Menschen mit dem Gefühl, etwas Besserers zu sein, nach trendigen Trophäen suchen. Objekte, die den Bauhaus-Entwürfen häufig stark ähneln. Wissen die Käufer eigentlich um die Idee hinter den Designgegenständen?

Und was würden die Meisterlehrer davon halten, dass ihre Entwürfe, in künstlichen Kathedralen pathetisch präsentiert, auf Sockeln angestrahlt wie Skulpturen, einen bisweilen frechen Preis zu rechtfertigen versuchen? Das Bauhaus vor 100 Jahren wollte noch genau das Gegenteil: „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ lautete die Devise unter Hannes Mayer, Gropius’ Nachfolger in Dessau.

Statt falscher Trophäen oder echtem Schrott bot man Qualität in Glas, Holz, Metall. Heute dagegen geht die Welt in Plastik unter. Ob daran die Nachricht aus Brüssel viel ändern wird, dass ab 2021 die Produktion von Plastikmüll reduziert werden soll? Trinkhalme und Wattestäbchen stehen bisher auf der Liste. Winzigkeiten.

Wie materialbewusst indes die Bauhaus-Möbel, Gebrauchs- und Kunstobjekte einst beschaffen waren und wie anziehend ihre Formen und Oberflächen auf uns wirken, wird eine ab Februar in Dessau beginnende Ausstellung dem Besucher vor Augen führen. Inmitten des Stadtparks im Zentrum der Plattenbaustadt entsteht dafür gerade das neue Museum der Stiftung Bauhaus Dessau. Zudem sollen alle Meisterhäuser bis zur Eröffnung kuratorisch neu ausgerichtet werden, verspricht Pressesprecherin Helga Huskamp.

Jubiläumsausstellung mit Klassikern

Unter den Objekten darf man Klassiker wie die Lampen von Wilhelm Wagenfeld und Christian Dell erwarten, Geschirr von Marianne Brandt, Möbel von Marcel Breuer und Mies van der Rohe. In Dessau entstanden die weltweit ersten Einrichtungsstücke aus dem damals neuartigen Material Stahlrohr. Ingenieurskunst in zeitlosem Design.

Während hierzulande also Sessel und andere Insignien der Moderne hezer groß gefeiert werden, verfällt anderswo in Europa, gar nicht so weit entfernt von Dessau, eine dem Bauhaus im Geiste verwandte Architektur. Oleksiy Bykow und Ievgeniia Gubkina haben sie in ihrem großartigen Bildband „Soviet Modernism, Brutalism, Post Modernism, Buildings and Project in Ukraine 1960–1990“ dokumentiert. Sie präsentieren wenig bekannte, erhabene Gebäude, die von einstigem Aufbruch zeugen – und die es bald nicht mehr geben könnte. Der Grund: Diese Stein gewordenen Träume stehen leider im falschen Land – in einem Land, in dem derzeit Bauwerke verwahrlosen, Straßen, sogar ganze Städte umbenannt und Denkmäler beschädigt werden. Es gibt die architektonische Verwüstung, und es gibt die politisch initiierte Verstümmelung der Welt.

Adam Zagajewski schrieb einmal: „Versuch’s, die verstümmelte Welt zu besingen“. Das Gedicht ist im Magazin „The New Yorker“ erschienen, nach dem 11. September. Entstanden ist es in Lemberg, in der heutigen Ukraine.

www.bauhaus-dessau.de